2026-001/documents/theory/diagnostics/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/110.md

35 lines
2.0 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

Schatten ihres rebellischen Bruders aufgewachsene Schwester erlebt,
dass mehr Freiraum für ihre Beziehungswünsche an die Eltern
entsteht. Die Familie insgesamt entdeckt jetzt neue Formen des
Miteinanders, die vorher nicht möglich waren.
Im Bereich der „Verzweigungspunkte“ ist die Unbestimmtheit am
größten, d. h., hier sind die Prognosen über die weitere Zukunft des
Systems am unsichersten. An ihnen erhärtet sich auch die
systemisch-konstruktivistische These, dass es keine instruktive
Interaktion gibt. Welchen Weg das System einschlägt, hängt von
seiner eigenen Organisation ab. Unterstützungsangebote sind nur
dann hilfreich, wenn sie sich mit den inneren Mustern des Systems
verbinden. Im Falle unserer Familie steht die Sozialarbeiterin vielleicht
vor der schwierigen Aufgabe, die Kontrollversuche der Eltern als
Ausdruck ihrer fürsorglichen Ängste um die Zukunft des Sohnes zu
verstehen. Sie könnte dann auf seine Stärken in der
Alltagsbewältigung hinweisen, die bislang nicht in das elterliche
Blickfeld gerückt sind, und dadurch statt der Ängste Zuversicht und
Vertrauen in den Vordergrund treten lassen.
Im Modell von Prigogine ist das der Punkt, an dem neue
Strukturen herausgebildet und konsolidiert werden; das System
richtet sich in seiner neuen Ordnung ein. In unserer Beispielfamilie
werden vielleicht Regeln gefunden bzw. erfunden, die Konflikte
erlauben und den konstruktiven Umgang mit ihnen ermöglichen.
Damit ist der erste Zyklus abgeschlossen.
Ein neuer Zyklus beginnt mit der Phase der Konsolidierung der
neuen Strukturen, in der aufgrund negativen Feedbacks die
Beharrungstendenzen im Vordergrund stehen, bis der Anstieg der
„Fluktuationen“ so stark ist, dass das System in einer zweiten Phase
wieder in den Bereich der Unbestimmtheit eintritt und einen
„Verzweigungspunkt“ erreicht usw. usw. …
Solange das System sich auf diesen Prozess einlässt, kann es sich
selbst erhalten, indem es sich weiterentwickelt.
Bezogen auf unser Beispiel, könnten Eltern und Kinder immer
wieder neue Lösungen für ihre Regelungskonflikte finden.