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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 108 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Silvia Musch-Grau und Wolf Ritscher
sprächspartnerinnen durch systemische Fragen auf unbekannte
»Fährten« zu locken. Durch die Erforschung der Familiengeschichte
wird ein Reflexionsprozess in Gang gesetzt, in dem Perspektiven aufleuchten, die Veränderungs- und Heilungsprozesse innerhalb des Familiensystems begünstigen. Ein wichtiges Ziel dieses Prozesses ist
die Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte.
Das Erfragen der Lebensdaten, Geburten, Todesfälle, Hochzeiten,
Krankheiten, Trennungen und herausragenden Ereignisse bildet dabei nur das Gerüst für zutage tretende Einstellungen, Beziehungskonstellationen und familiengeschichtliche Bedeutungen.
Im Genogramm sollten alle wichtigen Ereignisse der Familiengeschichte festgehalten werden, damit sich aktuelle Probleme im Kontext familiärer Entwicklungsmuster einordnen lassen.
Dabei sollte bewusst darauf geachtet werden, in welcher Phase
des Familienzyklus die Probleme auftreten (zum Familienlebenszyklus s. Ritscher 2002a).
Ergänzend zum Genogramm ist es meist sinnvoll, eine Familienchronologie zu erstellen, in der alle Familienereignisse in zeitlicher
Reihenfolge erfasst werden, damit mögliche Verbindungen zwischen
den Ereignissen aufgespürt werden können. Hilfreich ist hier die Methode des »Zeitstrahls« (s. ebd.).
Die Fragen im Genogramminterview sollten immer unter einer
ressourcenorientierten Perspektive gestellt werden: Welche hilfreichen Menschen gab es in schwierigen Zeiten, welche Themen boten
Halt, welche Nischen für die Entwicklung eröffneten sich, wo war das
eigene Handeln gefordert und erfolgreich? Dann können im weiteren
Verlauf im Sinne einer Verknüpfung von Diagnose und Intervention (s. Ritscher 2004b) virtuelle Dialoge zwischen den Genogrammerstellerinnen und lebenden bzw. schon verstorbenen Familienmitgliedern entstehen. Es kommen dann Fragen und Wünsche auf wie:
Was hättest du an meiner Stelle gemacht? Wie hast du damals diese
Krise durchgestanden? Ich möchte dich an meiner Seite wissen, wenn
ich diesen Konflikt durchstehen muss.
Die Grundinformationen über Familienstruktur, Beziehungsmuster und Funktionalität bzw. Dysfunktionalität bieten die Grundlage für eine horizontale und vertikale Analyse des Genogramms. Die
Beziehungsmuster früherer Generationen können einen positiven
oder negativen Modellcharakter für nachfolgende Generationen besitzen und deshalb abgelehnt, beibehalten oder modifiziert werden. Die
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