2026-001/documents/theory/diagnostics/philipp-sucht-sein-ich/pages/095.md

35 lines
2.2 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

95
Gehirns auswirken. Mädchen und Jungen aus herausfordernden
Lebensumständen leiden unter einer verstärkten Ausschüttung
von Stresshormonen, sie reagieren auf tatsächliche oder vermeintliche Gefahr mit Hypervigilanz, Übererregung. Wir erleben dies im
pädagogischen Alltag als extreme Beeinträchtigung der Mädchen
und Jungen in Beziehungen. Die natürliche Plastizität des Gehirns
kann von ihnen mit angemessener Begleitung genutzt werden, um
sich wieder lebendig und in der Gegenwart verwurzelt zu fühlen.
Durch Verstehen dieser Dynamik können wir den Kindern und
Jugendlichen den Zugang zur Selbstbemächtigung ermöglichen,
in dem sie in die Lage kommen „[…] die natürliche Plastizität des
Gehirns zu nutzen, sich wieder völlig lebendig und in der Gegenwart
verwurzelt zu fühlen.“ Und „[…] indem wir dem Körper Erlebnisse
ermöglichen, die jenen Gefühlen der Hilflosigkeit und Rage oder
dem Zusammenbruch, zu dem es durch Traumata kommen kann,
eindeutig entgegengerichtet sind.“ (van der Kolk 2015, S. 11)
Diagnosen helfen oder doch nicht?
Diagnosen können hilfreich sein. Zumindest sind sie eine Möglichkeit der Distanzierung. Und sie sind nicht die ganze Wahrheit,
vielleicht nicht einmal eine kleine. Trauma sei eine Tatsache im Leben,
keine diagnostische Kategorie, sondern Schmerz. „Wir müssen uns
in Erinnerung rufen, dass das Trauma für die Betroffenen nicht
eine Geschichte ist, die irgendwann einmal passiert ist, sondern
der gegenwärtige Ausdruck von Schmerz, Horror und Angst innen
drin. Trauma ist nicht etwas, was außerhalb der Klienten existiert.“
(van der Kolk 2014, S. 66). Die lebenslange Wirkkraft traumatischer
Erfahrungen wird bagatellisiert. Zudem macht es einen Unterschied, „[…] ob man ein Problem als Krise definiert oder es mit
einer Diagnose bezeichnet. Die Diagnose macht den Kranken zum
Objekt. Spricht man dagegen von einer Krise, lässt man ihn Subjekt
sein […]“ (Basaglia 2000, S. 45) Dass ein Trauma nach dem Ereignis vorbei sei, zu dieser Sichtweise beigetragen habe auch die
Diagnose Post-traumatische Belastungsstörung: „Der Diskurs um
dieses klinische Bild impliziert ein Posttrauma, also eine Zeit in der