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Zwangsmigration und Traumatisierung
»Na weil ich nicht dumm bleiben will, ich will hier was schaffen« (Zimmermann
2012, S. 151). Ibrahim misst der Schule eine hohe Bedeutung zu, trotz seiner
mannigfaltigen psycho-sozialen Schwierigkeiten. Seinen derzeitigen Lehrer in
einer Schule mit dem Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung erlebt er im Gegensatz zu seinen früheren schulischen Beziehungspersonen als
haltend. Dies zeige sich daran, so Ibrahim, dass der Lehrer seine Fragen auch
einhundert Mal beantworte.
Sequenz fünf: bedrohliche Rückkehr. Familien im laufenden Asylverfahren
oder im Status der Duldung sind wiederkehrenden Abschiebedrohungen ausgesetzt. Diese lösen stets aufs Neue psychische Krisen aus und gewinnen somit traumatischen Gehalt. Die familiäre Interaktion ist in diesen Situationen vielfach
durch Parentifizierung geprägt, das heißt, die Kinder übernehmen unbewusst die
Verantwortung für die psychische Stabilisierung der Eltern (Bräutigam 2000).
»Ja, wir hatten auch erstmal Duldung und so alles, dass wir abgeschoben, da
hatte ich manchmal auch keinen Bock mehr, ich meinte so: Warum, wenn wir
abgeschoben werden, warum soll ich hier noch weiter lernen und so alles?«
(unveröffentlichter Interviewauszug). Die fast regelhafte Angst vor Abschiebung
ist demnach auch eine pädagogische Herausforderung. Während einige junge
Geflüchtete wie Ibrahim die schulischen Anforderungen als sinnlos erleben,
übersteigern andere deren Bedeutung. Subjektiv werden ihre schulischen Erfolge dann zum Gradmesser über den Verbleib der Familie in Deutschland. Eine
solche Last ist von den Heranwachsenden jedoch kaum zu tragen.
Sequenz sechs: aus Geflüchteten werden Migranten. Erstmals haben die
zwangsmigrierten Menschen aufgrund der Arbeits- und Wohnsituation nun die
Möglichkeit, ihr Leben weitgehend selbst zu gestalten. Die Entwicklung des traumatischen Prozesses ist in dieser Sequenz in besonderer Weise von der Möglichkeit abhängig, die persönliche Lebens- und Leidensgeschichte in einen sozialen
Diskurs einzubringen. Schnelle Forderungen nach weitgehender Assimilation
sind dabei kontraproduktiv und verstärken das ohnehin prägende Gefühl des Ausgeschlossenseins.
Ibrahim schließt sich einer aggressiv-hassenden Jugendgang an und überfällt
Gleichaltrige. Ihr Bedingungsfeld hat diese ausagierte Gewalt in früheren und
aktuellen traumatischen Erfahrungen. Einen Raum für notwendige Trauerarbeit
bietet weder das auf Spaltung ausgelegte Familiensystem noch die primär auf
Verhaltensmodifikation und Leistung orientierte Schule. Deutlich zeigt sich deshalb die Aggressivität als umgewandelte Trauer. Er sagt: »Bei mir hats Weinen
schon aufgehört irgendwie« (Zimmermann 2012, S. 140).