33 lines
2.7 KiB
Markdown
33 lines
2.7 KiB
Markdown
36
|
||
|
||
Reformerische und emanzipatorische Pädagogik
|
||
|
||
Bedürfnis des Kindes nach Herausforderungen zum Zwecke der Entwicklung und
|
||
Reifung nicht gerecht (Giesecke 1997, S. 205f.) – definierte Neill, die Freiheit, zu
|
||
tun, was man mag, »[...] solange die Freiheit der anderen nicht beeinträchtigt
|
||
wird« (Neill 1969, S. 123). Die weitgehende Selbstregierung der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sei der Schlüssel zu einer verantwortungsvollen, am Kind
|
||
orientierten Pädagogik, die er als selbstregulativ bezeichnete: »Es muss immer
|
||
wieder darauf hingewiesen werden, dass Freiheit nichts mit Verwöhnung zu tun
|
||
hat« (Neill 1969, S. 117).
|
||
Ungefähr zeitgleich entwickelte Korczak demokratische Formen von Kindermitbeteiligung. In dem von ihm geleiteten Waisenhaus Dom Sierot (1912–1942)
|
||
gab es ein Gericht, vor dem das einzelne Kind zu seinem Recht kommen konnte.
|
||
Korczak vertraute auf die Selbstorganisation der Kinder als Korrektiv zur Entwürdigung und Entmündigung durch die Erwachsenen.
|
||
Auch in den von der Kinderfreundebewegung durchgeführten mehrwöchigen
|
||
Kinderrepubliken in den 1920er-Jahren setzen die Erwachsenen den Rahmen für
|
||
die eigenverantwortliche Gestaltung des Gemeinschaftslebens durch die Kinder
|
||
selbst (Giesecke 1997, S. 185ff.). Diese innere Demokratisierung der Gleichaltrigengruppen führte zu neuen Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und demokratischer Teilhabe.
|
||
Die partizipative Haltung, den Kindern und Jugendlichen etwas zuzutrauen ohne sie zu überfordern, ist vom Fachverband Traumapädagogik als grundlegender
|
||
Standard traumapädagogischer Praxis beschrieben (www.fachverband-traumapaedagogik.org), ein Standard mit bereits 100-jähriger Tradition, den es zu erhalten und verteidigen gilt.
|
||
|
||
Über das Verhältnis von Erziehenden und Jugendlichen
|
||
Im Rahmen der zeitgleichen gesellschaftlichen Emanzipationsprozesse wurde das
|
||
Verhältnis von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen neu bewertet: »Mit der
|
||
Entdeckung des kindlichen und jugendlichen Subjekts einerseits und dem Selbsterziehungsanspruch der Jugendlichen anderseits (bekam) nun auch die Beziehung
|
||
zwischen Erwachsenen und Jugendlichen bzw. Kindern eine neue Dimension«
|
||
(Giesecke 1997, S. 79ff.), nämlich das kameradschaftliche Verhältnis, das Führung
|
||
durch die Erwachsenen nicht ausschließe, aber die Beteiligung der Kinder und
|
||
Jugendlichen mit eigenen Ideen und eigenem Handeln fördert. Das Kernstück des
|
||
Erziehungsprozesses sei die Art und Weise der menschlichen Beziehung zwischen
|
||
der Pädagogin/dem Pädagogen und dem Kind, so Herman Nohl (1897–1960) Anfang des 20. Jahrhunderts. Nicht die gesellschaftlichen Normen, Werte und Ansprüche oder die sachlich-fachlichen Ansprüche im Rahmen des Unterrichts sind
|
||
a priori erziehend und bildend für das Kind. Es bedarf vielmehr einer personalen
|