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| situation-text | markdown | Situationserfassung | Fundierte, beschreibende Darstellung der Fallsituation. Gliedere in: Auftragsklärung (Organisations- und Klient*innenauftrag), Vorgeschichte (Biografie, soziales Umfeld), Person (beschreibend, ressourcenorientiert, min. 60 %), gegenwärtige Situation und vorläufige Themen. Nur beschreiben, nicht bewerten – keine Interpretationen! Mache bei jeder Information die Quelle (Gespräch, Beobachtung, Akte) kenntlich. Erfasse stets auch die ‹soziale Dimension› – Lebenssituation und soziale Integration. | 📚 Realitätsausschnitt, Ressourcenorientierung und soziale Dimension |
Auftrag
Im Bericht des schulpsychologischen Dienstes wird festgehalten, dass Leny den Schulstoff in der Regelklasse nicht altersgemäss erarbeiten konnte. Die Lehrperson beschrieb Konzentrationsschwierigkeiten, extreme Müdigkeit im Unterricht und die erkennbaren Sorgen Lenys um seine Mutter. Ein erhöhter Betreuungsbedarf wurde geprüft. Der bereits länger involvierte schulpsychologische Dienst wies eine Behinderung im Sinne einer erheblichen sozialen Beeinträchtigung aus und geht von einer posttraumatischen Belastungsstörung aus. Er empfahl die Platzierung in einem Sonderschulheim. Die Kindsmutter stimmte dieser Empfehlung zu. Die Obhut und das Sorgerecht hat die Kindsmutter inne. Für Leny besteht eine Beistandschaft (Art. 308 ZGB).
Der Auftrag im Praxisbetrieb besteht darin, Leny in seiner persönlichen, schulischen und sozialen Entwicklung zu fördern. Zentrale Aspekte sind eine Verbesserung der Orientierung im Alltag, eine Steigerung der Selbstständigkeit bei schulischen und alltagspraktischen Aufgaben und eine Entlastung von der Verantwortung gegenüber seiner Mutter.
Vorgeschichte
Leny ist das älteste Kind der Familie. Er lebte einige Jahre mit seiner Mutter im Ausland beim Vater. Die Eltern trennten sich in seiner frühen Kindheit. Von der Kindsmutter erfuhr ich, dass diese Zeit schwierig war und von Gewalt geprägt war. Mit Unterstützung ihrer Eltern kehrte sie mit Leny in die Schweiz zurück.
Seither lebt Leny bei seiner Mutter. Aus Akten, Gesprächen mit der Kindsmutter, Lenys Erzählungen und Beobachtungen im Alltag wurde für mich sichtbar, dass die familiäre Situation über längere Zeit belastet war. Leny hat drei Geschwister aus verschiedenen Partnerschaften der Kindsmutter. Alle partnerschaftlichen Beziehungen der Kindsmutter waren von Gewalt geprägt, auch die heutige familiäre Situation ist belastet und instabil. Die Kindsmutter war mit den Anforderungen des Alltags, der Betreuung der jüngeren Geschwister und den partnerschaftlichen Konflikten erheblich belastet. Heute lebt Leny mit seiner Mutter, deren Partner und seinen Geschwistern im gemeinsamen Haushalt. Die Beziehung zum Partner der Mutter beschreibt er ambivalent.
Leny ist in ein grosses familiäres und freundschaftliches Netzwerk eingebunden. Er erzählt häufig, was er mit Verwandten und Freunden unternimmt. Die Grosseltern mütterlicherseits leben in unmittelbarer Nähe und leisten viel Entlastungsarbeit im Familienalltag. Auch die Geschwister der Kindsmutter sind wichtige Bezugspersonen für Leny. Zu einer Tante väterlicherseits hat er ebenfalls stabilen Kontakt und verbringt dort immer wieder Ferien. Leny hat viele Freunde. Viele dieser Freundschaften bestehen seit früher Kindheit. Während der Woche vermisst er diese zeitweise.
Nach der Rückkehr in die Schweiz besuchte Leny den Kindergarten. Die Kindsmutter beschreibt diese Zeit als schwierig. In der öffentlichen Primarschule wurde er als beliebtes Klassenmitglied beschrieben, war schulisch jedoch überfordert (siehe Abschnitt Auftrag). Im Unterstützungsprozess wurde der Kindsmutter eine Platzierung von Leny nahegelegt, damit er sich entlasten und altersgemäss entwickeln kann. Dies gelang bis heute nur teilweise. Seit Anfang 2025 lebt Leny im Wocheninternat.
Im Praxisbetrieb lebte sich Leny rasch ein und schloss Freundschaften. Zu Beginn wurden positive Entwicklungen wahrgenommen, nach den Sommerferien teilweise wieder Rückschritte. In der Förderplanung verschob sich der Fokus im Verlauf von Ordnung über Aufmerksamkeit und Präsenz hin zur Orientierung im Tages- und Wochenablauf.
Person
Leny ist Anfang dieses Jahres 12 Jahre alt geworden. Er ist ein Junge mit altersgemässem, eher robustem Körperbau und wirkt gepflegt.
Die Kindsmutter beschreibt Leny in Gesprächen als herzlich und gutmütig. Im Alltag auf der Wohngruppe fallen dem sozialpädagogischen Team seine Freundlichkeit und sein Humor auf. In 1:1-Situationen gelingt die Zusammenarbeit mit Leny gut, und er geniesst diese Settings. Er hilft gerne mit, etwa in der Küche, und setzt in freien Förderstunden kreativ eigene Ideen um. Leny verfügt über ein gutes Körperbewusstsein und lernt Bewegungsabläufe schnell, zum Beispiel beim Skifahren oder Fechten. Neuem begegnet er offen und neugierig. Konflikte mit anderen Kindern kann er teilweise selbständig klären.
Die Kindsmutter berichtet, dass Leny auf Appelle häufig nicht reagiert. Lehrpersonen beschreiben weiterhin Konzentrationsschwierigkeiten und einen erhöhten Begleitbedarf im Unterricht. Im Alltag verliert Leny rasch den Überblick, vergisst Dinge und braucht klare Anleitung. Leny selbst sagt in solchen Situationen häufig "ich weiss nicht" oder "ich habe es vergessen". Bei Konflikten zieht er sich eher zurück. Er äussert zudem, dass er "Ämtli" nicht gerne erledigt. Wut und andere belastende Gefühle zeigt er kaum und lehnt es teils auch ab, ihnen Ausdruck zu geben.
Gegenwärtige Situation
Im Praxisbetrieb sind Vergesslichkeit und wenig Orientierung im Tages- und Wochenablauf fast täglich sichtbar. Er vergisst Absprachen, Gegenstände oder Aufträge und übernimmt Verantwortung oft erst nach klarer Aufforderung. Obwohl ich in der Förderplanung gezielt an seiner Orientierung im Tages- und Wochenablauf arbeite, greift dies bis jetzt nur begrenzt. Leny selbst zeigt sich in solchen Situationen meist wenig beeindruckt. Es wirkt, als sei er daran gewöhnt, dass wir ihn wiederholt erinnern, manchmal reagiert er genervt oder mit fragendem Blick. Diese Situationen werden von den Fachpersonen im Praxisbetrieb unterschiedlich wahrgenommen. Wenn Leny etwas vergisst, nicht reagiert oder Aufträge nicht umsetzt, wird dies teils als Überforderung und fehlende Orientierung verstanden. Einige haben auch den Eindruck, dass er Anforderungen bewusst ignoriert.
Leny pflegt Freundschaften mit anderen Kindern der Wohngruppe und beteiligt sich sichtbar am Gruppengeschehen. Seit Beginn dieser Arbeit beschäftigt Leny die Frage, wo er nach den Sommerferien zur Schule gehen wird und wo er wohnen wird. Seine Haltung dazu wechselt zwischen Bleiben-Wollen und unbedingt Gehen-Wollen. Auch zuhause erlebt Leny wechselhafte Phasen. Manchmal ist es ruhiger, dann entstehen wieder neue Belastungen in der Paarbeziehung der Kindsmutter. Er sagt mir, wenn er das Gefühl hat, dass es seiner Mutter nicht gut geht. Leny hat immer wieder Heimweh. Kürzlich sagte er, dass ihn dieses Gefühl belastet und er daran arbeiten möchte.
Vorläufige Themen
Wenn ich die Situationsbeschreibung wie ein Bild betrachte, erkenne ich folgende vorläufige Themen, die ich im nächsten Schritt vertieft betrachten möchte: Lenys Vergesslichkeit fällt in allen Bereichen auf. Die Orientierung im Tages- und Wochenablauf ist beinahe täglich ein Thema. Sein Umgang mit Anforderungen zeigt sich wiederholt. Heimweh und Sorgen um seine Mutter beschäftigen Leny.