2026-001/documents/theory/diagnostics/verhaltensauffaelligkeiten/pages/198.md

33 lines
2.6 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

5 Spezifische Formen von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen
• »organisiert Wahrnehmungen und Handlungen nach einem psychischen Trauma,
• ist im Sinne einer unterbrochenen Handlung mit Kampf-/Fluchttendenzen
strukturiert,
• kann erhebliche kognitive Wahrnehmungsverzerrungen verursachen,
• hat eine Neigung zur Ausbreitung in andere psychische Bereiche hinein (z. B.
Angstausbreitung)« (ebd., S. 351).
Erschwerend kommt hinzu, dass das Gehirn von Kindern und Jugendlichen sich
noch in der Entwicklung befindet und auf günstige Bedingungen (adäquate physische Versorgung, stimulierende Umgebung, bedürfnisbefriedigende Beziehung zu
einer Bindungsperson) angewiesen ist, um sich funktional entwickeln zu können
(Putnam 2006). Die oben beschriebenen Folgen chronischer Traumatisierung wirken sich auf ein in Entwicklung befindliches Gehirn und dies spezifisch in den
Phasen kritischer Entwicklungsperioden in den ersten drei Lebensjahren besonders verheerend aus (Perry et al. 1998, Schore 2001):
• Die Schädigung erfolgt während sensitiver Phasen der neuronalen Entwicklung
(Synapsenbildung; erfahrungsabhängige Reifung der einzelnen Strukturen).
• Fundamentale Organisationsprozesse werden gestört und geschädigt (Bindungsaufbau,Affektregulation, Impulskontrolle, Aufbau eines integrierten Selbstempfindens, funktionaler sozialer Austausch mit anderen Menschen).
Psychotherapie
Für die Traumatherapie mit Kindern haben sich in den letzten Jahren Standards
entwickelt, an denen sich jede Form von psychotherapeutischer Intervention orientieren sollte:
• Schutz vor weiterer Traumatisierung und Retraumatisierung in der Therapie
(Strukturgebendes und phasenorientiertes Vorgehen: Stabilisierung
Traumakonfrontation Integration).
• Ressourcenorientierung als pervasives, d. h. implizites und dauerhaft zu realisierendes Prinzip (Grawe 2004) und bewusste Ressourcenaktivierung (z. B. SichereOrt-Übung) zur Stabilisierung im Hier und Jetzt (Reddemann 2003).
• Sicherung der Unterstützung des Kindes durch Bezugspersonen und Umwelt.
• Besondere Beachtung von verletzten Sicherheits- und Kontrollbedürfnissen des
Kindes (Komplementäre Beziehungsgestaltung!).
• Keine Entfaltung der Traumadynamik in der Realbeziehung; dies bedeutet eine
sehr große Achtsamkeit gegenüber möglichen Wiederholungen der traumatischen Beziehungsdynamik.
• »Parteiliche und engagierte Anteilnahme« bei Beziehungstraumatisierung.
• Trauma First: Wo möglich vorrangige Behandlung der traumatisierenden Erfahrungen vor der Behandlung von komorbiden Symptomen.
198