2026-001/documents/theory/diagnostics/verhaltensauffaelligkeiten/pages/185.md

3.3 KiB
Raw Blame History

5.3 Komplexe Auffälligkeiten

• eine starke Orientierung am Außen: So werden sehr leicht andere Menschen oder Ereignisse idealisiert und es erfolgt eine starke Identifikation. Diese kann so nicht gehalten werden. Aus der Enttäuschung heraus entsteht Wut, aber auch Autoaggression, d. h. selbstverletzendes Verhalten. Diese Wut hat zugleich die Funktion, Distanz wiederherzustellen. • Verbunden damit ist dann ein auf der Verhaltensebene beobachtbarer Rückgriff auf »einfache« Strukturierungsmechanismen, also der Versuch, innere Situationskontrolle zu erlangen, z. B. über • Spaltungen: die Welt wird nur als Gut oder Böse gesehen, • das Zeigen starker Gefühle, vor allem der Aggression, aber auch der Autoaggression, • »eine verzweifelte Suche nach Bedeutung« (Streeck-Fischer 2006b). Noch einmal zusammengefasst: Es liegt eine grundlegende Desorganisation der Selbststruktur vor, eine besondere Bedeutung hat die unzureichend ausgebildete Regulationsmöglichkeit der eigenen Affekte. Das nach außen gezeigte Verhalten ist ein (verzweifelter und ständiger) Versuch, Kontrolle über Situationen, die eigenen inneren Zustände, aber auch die eigene innere Struktur insgesamt herzustellen. Ausgehend von einer etwas anderen theoretischen Perspektive formulieren Bohus und Haaf (2001) ein neurobehaviorales Entstehungsmodell der BorderlinePersönlichkeitsstörung, in dem die Störung der Affektregulation und die Dissoziationsneigung noch stärker betont werden (c Abb. 5.14). Hiernach führen frühe Traumata und neurobiologische Prädispositionen zur Störung der Affektregulation, die wiederum die Dissoziationsneigung erhöht. (»Dissoziation als eine Störung der normalen Integration von Bewusstsein, Gedächtnis und Identität oder Wahrnehmung der Umwelt« (Bohus & Haaf 2001, S. 623). Hierzu ist anzumerken, dass etwa 65 % aller Borderline-Patientinnen unter klinisch relevanter dissoziativer Symptomatik leiden und diese hoch korreliert mit Selbstschädigungen und aversiven Anspannungsphänomenen (vgl. ebd.). Die Dissoziationen werden insbesondere durch Stress ausgelöst und behindern die Fähigkeit zum assoziativen Lernen: »Das hieße, die Fähigkeit neue Erfahrungen zu machen und diese mit alten Erfahrungen zu verknüpfen, ist erheblich beeinträchtigt (Störung des kontextabhängigen Lernens). Dies wiederum, so darf hypothetisch angenommen werden, manifestiert sich in scheinbar irreversiblen dysfunktionalen Grundannahmen, die häufig widersprüchlich, d. h. schlecht kompatibel sind und daher ihrerseits zur Labilisierung der Affektregulation beitragen« (ebd., S. 624). Dies wiederum führt zu einer mangelhaften psychosozialen Orientierung in der Realität, dann wird auf dysfunktionale, kurzfristig als selbstwirksam erlebte Bewältigungsstrategien wie die Selbstschädigung zurückgegriffen. Durch positive Rückkoppelungsprozesse entwickeln sich »in der Folge dysfunktionelle, kognitiv-emotionale Schemata, die sich in Störungen der Identität, der Beziehungsregulation, der Affektregulation und der Handlungssteuerung manifestieren« (ebd., S. 625). Hier zeigt sich eine große Übereinstimmung zwischen beiden Modellen. Das komplexe, auffällige und auch Leiden verursachende Verhalten ist so psychodynamisch als durchaus sinnvoll zu verstehen: Die rigide Einteilung in Schwarz185