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5 Spezifische Formen von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen
Soziale/familiäre Bedingungen
Die Instabilität in der innerseelischen Struktur und dem manifesten Verhalten hängt
sicherlich mit (sehr) frühen Beziehungserfahrungen zusammen, die durch ein hohes
Maß an Unregelmäßigkeiten und Diskontinuitäten gekennzeichnet sind. Die Betroffenen müssen häufige Wechsel von Nähe und Distanz, von Vernachlässigungen
und möglicherweise auch übermäßiger »Verzärtelung« erlebt haben. Fonagy et al.
(2004) betonen, dass die ursprüngliche Annahme unsicher-ambivalenter Bindungsorganisationen in der frühen Kindheit für die Erklärung der Borderlineproblematik allein nicht ausreichend ist, wahrscheinlicher ist das Vorliegen früher
desorganisierter Bindungserfahrungen (vgl. hierzu auch Hufnagel & FröhlichGildhoff 2002, Streeck-Fischer 2006b).
Derartige extreme Wechselerfahrungen werden in diskontinuierlichen Umwelten gemacht, z. B. wenn ein Kind lange Zeit in einem Krankenhaus behandelt
wurde, ohne dass entsprechende Halt gebende und kompensierende Beziehungsund Erfahrungsmöglichkeiten gegeben sind. Auch das Zusammenleben mit Bezugspersonen, die selber aufgrund psychischer Erkrankungen oder Alkohol- bzw.
Drogenmissbrauch keine Regelmäßigkeit gestalten und Kontinuität in der Alltagsgestaltung wie im Beziehungsangebot gewährleisten können, führt zur Ausbildung
entsprechender innerpsychischer Strukturen (s. u.). »Vieles spricht (..) für die Annahme, dass Borderline-Persönlichkeiten aufgrund von (nicht nur physischer, sondern auch psychischer) Vernachlässigung über eine nur unzureichend ausgebildete
Fähigkeit verfügen, mentale Zustände zu repräsentieren, d. h. zu erkennen, dass ihre
eigenen Reaktionen, sowie die anderer Menschen von Gedanken, Gefühlen, Überzeugungen und Wünschen bestimmt werden« (Fonagy et al. 2004, S. 218). Bohus
(2002) stellt fest: »Weiterhin gesichert scheint die Bedeutung der fehlenden zweiten
Bezugsperson zu sein, einer Schutz und Sicherheit gewährenden Person, die insbesondere die Wahrnehmung der Betroffenen teilt und deren Emotionen bestätigen
könnte (Hefferman & Cloitre 2000)« (ebd., S. 13).
Streeck-Fischer (2006b) stellt zusammenfassend fest: »Betrachten wir die lebensgeschichtlichen Bedingungen von Kindern und Jugendlichen mit den hier gemeinten Störungen [Persönlichkeitsentwicklungsstörugen, d. Verf.], finden wir
charakteristische Risikobelastungen, wie psychosoziale Traumata (z. B. Missbrauch,
Misshandlung, Trennung, Verlust und Vernachlässigung), Eltern, die in ihren elterlichen Funktionen versagen und häufig ungünstige sozio-ökonomische Verhältnisse mit Dissozialität. Alkoholismus und Gewalt« (ebd., S. 167). Es ist allerdings
bedeutsam, bei der Betrachtung der Lebensgeschichte auch Ressourcen, insbesondere haltgebende Beziehungen, zu betrachten. So zeigen die Ergebnisse der Resilienzforschung (Werner 2007, Luthar 2006), dass Personen aus dem sozialen Nahumfeld Risikobelastungen, z. B. durch elterliche Vernachlässigung, kompensieren
können.
Eine besondere Bedeutung bei der Störungsentstehung spielen Traumata, insbesondere, sexuelle Gewalt. So berichten etwa 60 % der weiblichen Patientinnen mit
Borderline-Störungen über sexuelle Gewalterfahrungen in der Kindheit (Bohus
2002; Renneberg, 2001, zitiert Studien, nach denen 4086 % der stationär behandelten Patientinnen mit einer Borderline-Störung über Missbrauchserfahrungen
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