2026-001/documents/theory/diagnostics/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/573.md

40 lines
2.0 KiB
Markdown

glücklichsten ihres Lebens. Aus ihrer späten Ehe gingen zu ihrer
Enttäuschung keine Kinder hervor. Bis zu ihrer Berentung vor zehn
Jahren war sie als Näherin in einer angesehenen Textilfirma tätig.
Nach dem Tod des Vaters zog ihre Mutter zu ihr und war bis zu
ihrem Tod über lange Zeit auf ihre Hilfe angewiesen. Ihr Mann starb
1995 nach einer langen Krankheit und einer Phase intensivster
Pflegebedürftigkeit.
Inzwischen lebt von ihrer Familie nur noch ihre Schwester, zu der
sie einen regelmäßigen, aber konflikthaften Kontakt hat. Die
Schwester ist verheiratet und stark auf ihren Ehemann, ihre Kinder
und Enkelkinder bezogen. Auf die Leidensbekundungen ihrer
Schwester reagiert sie eher abweisend und zurückhaltend.
Für Frau L., die zeit ihres Lebens immer sehr stark an familiären
Beziehungen orientiert war, stellte sich nach dem Tod ihres
Ehemannes 1995 erstmals die Notwendigkeit, ihr Leben
selbstständig organisieren zu müssen. Dies war gleichzeitig der
Beginn wachsender psychiatrischer Auffälligkeiten.
In der gemeinsamen Reflexion des Teams wurde der Fokus
zunächst auf den Bezug zwischen ihren lebensgeschichtlichen
Erfahrungen
und
Deutungen
und
ihren
aktuellen
Problembewältigungsmustern gerichtet.
Offensichtlich ist, dass Frau L. sich immer wieder als Opfer tief
greifender gesellschaftlicher, sozialer und familiärer Umbrüche,
Krisen und Katastrophen erlebte. In den Phasen ihrer Jugend und
ihres Erwachsenwerdens erfuhr sie sexuelle Gewalt, existenzielle
Not, Vertreibung, den Verlust ihrer Heimat und die Ungewissheit, ob
und wo sie mit ihrer Familie eine neue Existenz aufbauen konnte.
Die Familie, ihre Eltern, die großen Brüder und die ältere Schwester
boten ihr emotionalen Halt und Sicherheit, später das
Zusammenleben mit ihrem sie umsorgenden Ehemann und ihrer
Sicherheit gebenden Mutter.
Der Satz „Ich kann nichts dafür“, den sie als Entschuldigung für
ihre aktuellen Krisen immer wieder äußerte, kann als subjektive
Deutung ihrer aktuellen Lebenslage, aber auch als Bilanz ihres