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6.6.1.4.3 Rituale
Die wichtige Funktion von Ritualen und ihr Sinn für soziale Systeme wurde
schon unter 3.2.2.5 beschrieben. Ihre Bedeutung für alltägliche und
besondere Situationen der Kommunikation verschaffte ihnen einen
wichtigen Platz in der Familientherapie. Meines Wissens hat Selvini Palazzoli
als Erste die systematische Verschreibung von Ritualen in die
Familientherapie eingeführt bei der Arbeit mit sich anorektisch zeigenden
Mädchen und jungen Frauen (Selvini Palazzoli 1982). Die erste Mailänder
Gruppe hatte in der Folge eine Vielzahl von therapeutischen Ritualen
entwickelt und beschrieben (siehe Selvini Palazzoli et al. 1978). Sie sahen
ihren Wert darin, dass die bisherigen Normen des Familienspiels
unterbrochen und auf einem nichtsprachlich-symbolischen Wege neue
Normen eingeführt werden. Die Dichte der nichtsprachlichen Symbolik wird
intuitiv verstanden und kognitiv-affektiv verankert. Entscheidend ist dabei
eine leitende Metapher und bildliche Symbolik des Rituals, die alle
Elemente der rituellen Handlung integriert und als Anker dient, auf den in
der Folge immer wieder Bezug genommen werden kann.
Die Mailänder verschrieben z. B. ein Beerdigungsritual für den vier Tage
nach seiner Geburt gestorbenen Bruder eines kleinen Mädchens, weil
dieses nach seinem Tod aufgehört hatte zu essen. „Die Familie wurde
gebeten, den Tod des Säuglings auf eine Weise anzuerkennen, die das
Mädchen auch verstehen konnte. Sie begruben einige der Kleider ihres
Bruders und sprachen darüber, was mit ihm geschehen war“ (Imber-Black
et al. 1995, S. 17).
So wird ohne Worte, aber durch eine symbolisch-zeremonielle Handlung
des toten Kindes und Bruders gedacht und Abschied von ihm genommen.
Das leitende Symbol ist in diesem Fall ein Grab, das als Bild in der
Vorstellung präsent bleibt, die dazugehörige Metapher heißt „Be-Hausung“:
Das Grab als Haus des Toten markiert den Unterschied zur Wohnung der
Lebenden, aber es hat auch eine Bedeutung als „schützende Hülle“ für den
toten Bruder.
Therapeutische Rituale beziehen sich sowohl auf den Alltag als auch auf
den Unterschied zu ihm markierende besondere Zeiten und Räume sowie
Übergangssituationen im Prozess des Lebens. Quer zu diesen drei
Bezugspunkten liegen fünf Themen, die jedes Ritual enthalten kann:
Mitgliedschaft, Heilung, Identität, Meinungsaustausch und das die