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4.3.1 Die Mehrgenerationenperspektive
Freuds Modell der psychosexuellen Entwicklung beschäftigt sich
primär
mit
der
Psychodynamik
des
Kindes;
die
Wechselwirkungsbeziehung zwischen Eltern und Kindern und noch
älteren Generationen hatte für ihn keine hervorgehobene Bedeutung.
Die Familiendynamik hingegen betont die Bedeutung der
mehrgenerationalen Beziehungen für die bezogene Individuation der
einzelnen Familienmitglieder.
Meistens sind in den Familien noch drei Generationen
Großeltern, Eltern und Kinder durch lebende Mitglieder vertreten;
ihre Beziehungen können ganz direkt als Ressourcen für anstehende
Problemlösungen genutzt werden. Aber auch zeitlich zurückliegende
Generationen sind in eine zirkuläre und multiperspektivische Sicht
familiärer Wirklichkeiten eingebunden.
Willi hat die intergenerationalen Beziehungen unter dem
Gesichtspunkt der sukzessiven Lösung von Familienthemen
dargestellt (Willi 1985). Die im intergenerationalen Dialog
konstituierten und weiterentwickelten Themen, Muster, Konflikte
verbleiben nicht als unverrückbare Blockaden im Netz der
Familienbeziehungen. Sicher entfalten negativ besetzte Themen und
konfliktinduzierende Muster eine blockierende Kraft und binden
Entwicklungspotenziale. Aber in ihrer interaktiven Übernahme durch
die nächste Generation entwickeln sich zugleich Stufen ihrer
Auflösung. Willi spricht von einer „transgenerationellen Korrektur des
fehlentwickelten Familienerbes“ (ebd., S. 187).
Die Botschaft dieses Konzeptes ist tröstlich: Jede Generation
liefert einen Teilbeitrag, den die nächste übernehmen und
weiterführen kann. Keiner Generation wird eine Gesamtlösung
abverlangt, jede bereitet den Weg für die Lösungsversuche der ihr
nachfolgenden.
Selvini Palazzoli hat die zunehmende Blockierung des
Familiensystems und deren therapeutische Auflösung in einem Bild
dargestellt: „Es ist wie bei einem kleinen Flüßchen, in dem sich
irgendwo soviel Geäst und Blätter angeschwemmt haben, daß das