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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 120 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Silvia Musch-Grau und Wolf Ritscher
stalten, dass die Erfahrung der Selbstwirksamkeit mit der von Kooperation verknüpft wird.
Aus anderer als dieser familiendynamischen Sicht können Essstörungen auch subjektbezogen als ein Bewältigungshandeln verstanden werden, das den Betroffenen hilft, mit Gefühlen der Unsicherheit
und psychischen Leere umzugehen. Sarah hilft die Essstörung, mit ihrem reifenden Körper zurechtzukommen, Selbstsicherheit zu gewinnen und sich als unabhängig von den Eltern zu erleben. Die Kehrseite
der Medaille ist, dass Entwicklungsaufgaben wie der Aufbau von Beziehungen zu Gleichaltrigen und die Annäherung an den Status des
Erwachsenseins in den Hintergrund treten. So ist aktuell wenig psychisches und soziales Wachstum von Sarah sowohl in ihrer Familie
als auch außerhalb erkennbar. Alle Bedürfnisse, die sich in diesem
Alter auf Gleichaltrige ausrichten, bleiben in ihrem Fall vollständig
auf die Mutter bezogen. So gelingt es Sarah, sich mithilfe ihrer Essstörung zwei zentralen Entwicklungsanforderungen der Adoleszenz
zu entziehen: der beziehungserhaltenden Ablösung vom Elternhaus
und der Integration eines sexuell reifenden Körpers in das Selbstbild.
Familiensysteme mit einer sich anorektisch verhaltenden Tochter
zeigen häufig eine Tendenz zur Verschmelzung (»Fusion«) und Abschottung von der Umwelt. Nach S. Minuchin zeichnen sie sich durch
folgende Strukturmerkmale aus: Verstrickung (Tendenz zur Verwischung von individuumsbezogenen Grenzen und Generationengrenzen), Überfürsorglichkeit (erschwert den Kindern die Ausbildung von
Autonomie und Kompetenz), Starrheit (die Familie versucht, den Status quo trotz notwendiger Veränderungen zu wahren) und Konfliktvermeidung (s. Minuchin, Rosman u. Baker 1986). Nach diesem Konzept fehlen in diesen Familien eine klare Abgrenzung und Hierarchie
der Subsysteme mit der Folge, dass sie als ihrer Funktion beeinträchtigt gesehen werden. Das Fehlen angemessener Generationsgrenzen,
eventuell noch im Zusammenwirken mit einer distanzierten Paarbeziehung der Eltern, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Töchter
mehr erwachsene Unterstützerinnen der Eltern als Kinder sein müssen. Dies ermöglicht ihnen die große Loyalität (Weber u. Stierlin
1989, S. 42), die unter einer anderen Perspektive auch als eine große
Kompetenz gesehen werden kann.
Bei Sarah kann eine »Bindung« an das Familiensystem über die
Mutter-Tochter-Dyade auf drei Ebenen beobachtet werden: auf der
affektiven Ebene durch Verwöhnen (was Sarah gerne annimmt und
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