2026-001/documents/theory/diagnostics/philipp-sucht-sein-ich/pages/238.md

36 lines
1.9 KiB
Markdown

238
11.3 Im Kontext sexueller Gewalt korrigierend handeln
Obwohl die Enttabuisierung sexueller Gewalt gegen Kinder in den
letzten dreißig Jahren vorangeschritten ist, finden wir immer wieder
fehlende pädagogische Lösungsansätze im Umgang mit sexuell
traumatisierten Mädchen und Jungen. Im pädagogischen Alltag gibt
es viele Gelegenheiten, das Thema aufzugreifen. Manchmal wird
ein Stopp nötig sein. Sexualisiertes Verhalten wird im Alltag immer
wieder auftreten und braucht ein gemeinsames Verstehen. Ziel muss
es sein Reviktimisierungen zu minimieren. Komplizierter und doch
genauso wichtig ist die Begleitung der sexuell übergriffigen Jungen
und Mädchen, während die Unterstützung von Mädchen und
Jungen, die sich anbieten, erfahrungsgemäß von Pädagog*innen
und Einrichtungen eher geleistet wird.
Dem Geschehenen verantwortlich Worte geben
Die Pädagogik hat vielfältige Möglichkeiten zur Bearbeitung
sexueller Gewalterfahrungen, dies ist nicht nur in der Therapie
oder im individuellen Gespräch möglich. Eher im Gegenteil, eine
allgemeine Korrektur einiger Normen der missbrauchten Kinder
entlastet in hohem Maße und trägt zu einer Atmosphäre bei, die es
ermöglicht, über erlittene sexuelle Gewalt zu reden:
Beim Abendessen dreht sich das Gespräch um sexuelle Gewalt, in der Zeitung
wurde darüber berichtet. Der elfjährige John kommentiert die Diskussion mit
der Aussage: „Wie gut, dass es dies bei uns nicht gibt.“ Die Pädagogin interveniert: „Das gibt es häufig, die Kinder haben keine Schuld.“ Danach kann Jana
sagen, dass sie das auch erlebt hat oder auch nicht. Sie ist entlastet.
Weil die Pädagogin interveniert, muss Jana sich nicht erneut nicht
dazugehörig fühlen.
Die Lebensgeschichten der Mädchen und Jungen können nur in
einem Klima, in dem sexuelle Gewalt und Gewalt von Eltern kein
Tabus sind, bearbeitet werden. Wenn Pädagog*innen den Kindern
vermitteln, dass betroffene Mädchen und Jungen keine Schuld