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184
Gemessen an der großen Bedeutung, die die ursprünglichen
Familienerfahrungen für die Gegenwart und die Zukunft der
Kinder haben, kommt die Vergangenheit in der Pädagogik nur
unzureichend vor: „In der Heimerziehung kommt Vergangenheit
regelmäßig nur als Material für den Therapeuten, Zukunft aber
überhaupt nicht vor“ (Winkler 1988, S. 6). Die Pädagog*innen begründen diesen Mangel mit der Angst vor Stigmatisierung:
Ich möchte das Kind kennenlernen ohne Vorwissen und wehre mich gegen
Festschreibung und Dann kann ich auch den Mädchen einen Vertrauensvorschuss geben.9
Aber warum soll ein Aktenstudium einen Vertrauensvorschuss verhindern oder das Interesse an der Sichtweise der Beteiligten beeinträchtigen? Es muss andere Beweggründe für die Abwehr geben:
„Je mehr ich von der Vorgeschichte der Kinder kannte, desto gespaltener war
ich. Ich wollte die Missbrauchserlebnisse von Christian nicht wissen, um mit
ihm frei und unbelastet umgehen zu können. In Wahrheit ist es mir aber nicht
gelungen. Gerade beim Christian passierte es mir häufig, dass ich ihm Sachen
habe durchgehen lassen, einfach weil ich dachte: Was hat dieses Kind alles
durchgemacht.“
Die Lebensgeschichten sind sehr belastend. Die Pädagog*innen
wollen sie vergessen:
„Was mir hilft, ist, dass ich das im Umgang mit dem Kind auch sehr schnell
wieder vergessen kann.“
Obwohl die Lebensgeschichten der Kinder wertvolle Hinweise
für die pädagogische Unterstützung der Mädchen und Jungen aus
herausfordernden Lebensumständen geben und das beweist die
Praxis die Bezugspersonen damit entlasten (Weiß 1999), wird
das Furchtbare immer wieder an die Therapie delegiert. Der
9
Dieses Zitat und folgende Aussagen von Pädagog*innen stammen aus meiner
Studie (Weiß 1999).