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183
9.1
Herkunft und Zukunft bedingen einander
„Kein Mensch kann den Wirkungen entgehen oder sich von den
Einflüssen trennen, die von seiner Kindheit und Jugend her in
sein späteres Leben dringen, auch und gerade, wenn diese Kindheit unter Einflüssen stand und Verhaltensweisen erzeugt hat, die
es am liebsten vergessen möchte, zuerst vor sich selbst.“ (Christa
Wolf in Auskünfte Werkstattgespräche mit DDR-Autoren). Die
Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft ist selten einfach. Bis
in die sechziger Jahre war sie in der Bundesrepublik, in der DDR
noch länger verpönt. In ihrem Buch Kindheitsmuster berichtet die
Schriftstellerin von der Unfähigkeit sich „[…] aufzulehnen gegen die
Übereinkunft, dass man keinen übertriebenen Anteil an sich selber
nehmen soll, weil man damit was schlimmer zu sein scheint als
Sterben das Befremden der anderen wecken und ihnen womöglich
lästig fallen würde.“ (Wolf 1976, S. 277). Die meisten Eltern meiner
Generation hatten diese Übereinkunft. Und diese Übereinkunft
trennte sie von sich. Allerdings bewahrte sie sie auch vor schmerzlichen Erinnerungen und Auseinandersetzungen.
Eine qualitative Untersuchung der Lebensentwürfe von sieben
heimentlassenen jungen Erwachsenen (Wieland u. a. 1992) verdeutlicht eindrücklich, wie sehr die Zukunft mit der Herkunft verbunden
ist. Ihre Lebensentwürfe kreisen im Wesentlichen um die Familie.
Der Wunsch nach Anpassung und sozialer Integration prägt ihre
Zukunftsvorstellungen. Sie wollen Kinder, um diesen zu ersparen,
was sie erleben mussten, um etwas wieder gut zu machen. Ihre
Geschlechtsrollen füllen sie herkunftsspezifisch aus. Die beruflichen
Perspektivvorstellungen sind vorwiegend getragen vom Wunsch
nach Anerkennung und sozialer Integration. Alle haben Zukunftsvorstellungen, die direkt die Herkunft berühren:
Laura sucht eine Lebensperspektive, die auch die Rettung ihres jüngeren Bruders
beinhaltet. Martin will schnell viel Geld verdienen, um nie mehr von irgendjemand abhängig zu sein. Sonja will den Stiefvater nicht anzeigen, damit die vier
Geschwister ihren Vater nicht verlieren. Philipp (16-jährig) will nach Hause,
dort trinken alle, dort wird das Trinken nicht reglementiert.