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„Für mich gibt es eine immer wiedererlebte Erfahrung: Menschen, die mich
nicht kennen, behandeln mich seltsam und anders als andere, sobald sie erfahren, dass ich in einer Einrichtung, einem „Heim“, aufgewachsen bin. Oft
habe ich mich gefragt, warum? Verhalte ich mich komisch? Manchmal frage
ich mich heute noch, ob das an mir liegt, obwohl ich doch weiß, dass es keinen
Grund gibt, mich für meine Geschichte zu schämen. Dass ich mich dann doch
schäme, macht mich wütend, denn ich will mich nicht schämen müssen.“ (Vogel
2018, S. 162)
Katharinas Erfahrungen sind ein Beispiel für eine „viktimisierenden
Kultur“, ein Begriff, der von John Briere geprägt wurde (Briere
1996, S. 86). Diese befördere Entwertung und Diskriminierung von
Mitgliedern der Gesellschaft mit geringerer sozialer Macht (z. B.
Kindern, Frauen, Migrant*innen). Sie beinhalte gesellschaftliche
Tendenzen der Abwehr, Verdrängung und Verschweigen von Gewalt sowie ablehnende gesellschaftliche Reaktionen auf das Verhalten von Überlebenden. Solange Katharina die Entwertung nicht
als gesellschaftlich geschaffen versteht, wird sie die Ursache immer
wieder in ihrer Person suchen. Im besten Falle wird sie fragen:
Warum ist das so? Warum sind die Unterschiede zwischen den
Menschen so groß? Warum halten sich Menschen für besser als
andere? Wie entsteht Rassismus? Warum sind andere Lebensformen
für manche so gefährlich? Warum leben wir so und die Reichen ganz
anders? Wie verlaufen gesellschaftliche Umverteilungsprozesse?
Was wollen autoritäre Bewegungen, warum gibt es sie, was bewegt
die Menschen, die sich ihnen anschließen? Menschen, nicht nur
Katharina, brauchen eine Erklärung ihrer Situation, die sie nicht
isoliert und schuldig schreibt. Ein Verstehen der gesellschaftlichen
Ungleichheiten und ihre Entstehung kann die heute angesagte
Individualisierung des Scheiterns ein wenig korrigieren. Im besten
Falle entsteht Veränderungswille.
Gesellschaftlich handeln bedeutet auch die Entwicklung
moralischer Urteilskraft. Hannah Arendt beschreibt in ihrem Buch
über die persönliche Verantwortung in einer Diktatur (Arendt 2019,
S. 36), wie sich die Beamten wie auch die Bevölkerung daran gewöhnten, dass Übel an sich zu akzeptieren und „[…] dass diese
frühe moralische Desintegration der deutschen Gesellschaft, die