33 lines
2.8 KiB
Markdown
33 lines
2.8 KiB
Markdown
Anerkennung als gesellschaftliche Aufgabe
|
|
|
|
teil ihrer traumatisierenden Wirkung dar (Brandmaier/Louw 2023). Auch im therapeutischen Kontext können Betroffene häufig nicht über das Erlebte sprechen,
|
|
Gehör und Empathie erhalten (Brown 2011). Es gibt inzwischen in der deutschsprachigen psychologischen und psychosozialen Fachliteratur eine zunehmende
|
|
Auseinandersetzung mit traumatisierenden Folgen von Rassismus und dem Umgang damit in der beraterischen und therapeutischen Praxis, wenngleich noch in
|
|
weitaus geringerem Ausmaß als im englischsprachigen Raum (vgl. Gahleitner/
|
|
Glaesmer/Schäfer/Spitzer 2023; 2024; Gold/Weinberg/Rohr 2023; Kilomba 2019;
|
|
Kluge et al. 2020; Louw/Schwabe 2021).
|
|
|
|
Anerkennung als gesellschaftliche Aufgabe
|
|
Für traumatisierte Menschen spielt die Anerkennung als Opfer und Überlebende
|
|
eine entscheidende Rolle für die psychische Entwicklung nach dem Trauma. Bekommen sie nicht die Anerkennung und Unterstützung, die sie brauchen, kann
|
|
sich das erschütterte Selbst- und Weltverständnis nicht regenerieren, sie fühlen
|
|
sich fremd innerhalb ihrer sozialen Umwelt und empfinden die Abwehr bzw. das
|
|
offene Leugnen und In-Frage-Stellen der Gewalt als weitere Demütigung (Fischer
|
|
2023; Kappeler 2014; Ottomeyer 2011). Deshalb ist Anerkennung der Tatsache,
|
|
dass in Fürsorgeanstalten Gewalt angewandt wurde, als Teil der moralischen Rehabilitierung der Heimkinder besonders wichtig. Dazu gehört auch die Entschuldigung der verantwortlichen Institutionen, wie sie von ehemaligen Heimkindern
|
|
gefordert wird (Gahleitner 2009).
|
|
Zwischenmenschliche Anerkennung ist die wichtigste Ressource für Selbstbewusstsein und Identität (Ottomeyer 2014a). Mit Bezug auf die Anerkennungstheorie von Honneth (2021) sowie auf eine Gesellschaftstheorie in Anschluss an Marx
|
|
(Ottomeyer 2014b) kann Anerkennung in den drei gesellschaftlichen Sphären der
|
|
Zirkulation, Produktion und Reproduktion als essenziell für die Identitätsentwicklung gefasst werden: Das Individuum benötigt die Anerkennung als freie*r
|
|
und gleiche*r Teilnehmer*in am Markt und im Rechtsverkehr (Zirkulationssphäre), als Arbeitende*r (Produktionssphäre) sowie als einzigartiges, unverwechselbares Subjekt in Liebes- und Familienbeziehungen (Reproduktionssphäre). Wird
|
|
die Anerkennung in diesen Bereichen nicht gewährt, können Selbstverachtung,
|
|
Depression, die Bildung einer Negatividentität oder nach außen gerichteter Zorn
|
|
die Folge sein. Für Geflüchtete ist zum Beispiel die Anerkennung als asylberechtigt
|
|
eine zentrale Voraussetzung, um ein geschäftsfähiges und gleichberechtigtes
|
|
Rechtssubjekt in der Gesellschaft zu werden, um Solidaritätserfahrungen in der
|
|
Arbeitswelt machen und ein würdiges Familien- und Liebesleben im Privatbereich
|
|
haben zu können (Brandmaier 2023; Ottomeyer 2014a). Es ist auch möglich, dass
|
|
psychosoziale Notlagen als Spätfolgen einer Traumatisierung eine Teilhabe an den
|
|
|
|
459
|