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Zentrale Grundannahmen
Etikettierung und Abwertung durch eine vorwiegend negative Diagnose (Reddemann 2015, S. 224). Derzeit beobachten wir einen fortschreitenden biologischen
Reduktionismus in der Psychiatrie und eine Medikalisierung der Psychotherapie.
Gerade diese Entwicklungen begründen die Notwendigkeit einer integrativen
Grundlagendiagnostik in der Sozialen Arbeit (Gahleitner/Hahn/Glemser 2013b).
Dieser Ansatz muss wissenschaftlich fundiert und praxisbezogen ein möglichst zutreffendes Bild von den Betroffenen geben, in dem bspw. auch gesellschaftspolitische Verwerfungen mitgedacht werden und die Zielentwicklung so
gut als möglich unterstützt und sozialen Dysfunktionen vorbeugt.
Diagnostik in stationären Kontexten der Kinder- und Jugendarbeit ist also in
besonderer Weise verpflichtet, die Schnittstelle zwischen psychischen, sozialen,
physischen und alltagssituativen Dimensionen auszuleuchten. Wie jedoch kann
eine für die Praxis brauchbare trauma- und beziehungssensible diagnostische Abklärung erfolgen? Wie kann sie lebens-, subjekt- und situationsnah bleiben? Traumapädagogische Diagnostik nutzt dafür entlang der in diesem Band bereits ausgeführten Überlegungen pädagogische, psychologische, medizinische und
sozialwissenschaftliche Wissensbestände. Zu einem selbstverständlichen Umgang
mit Multiproblemlagen gehört ein interdisziplinäres und mehrdimensionales Vorgehen (Gahleitner/Homfeldt 2012). Nur auf dieser Basis ist eine ebenso bindungswie traumasensible Interventionsgestaltung möglich. Heiner (2013) hat für diese
mehrdimensionale Anforderung an psychosoziale Diagnostikprozesse die Begrifflichkeit »Diagnostisches Fallverstehen« geprägt.
Die Arbeitsgruppe des Fachverbands Traumapädagogik e. V. hat sich in diesem
Spannungsfeld für den Titel »Traumapädagogisch diagnostisches Verstehen« entschieden, der sowohl das Spannungsfeld als auch mit dem Wegfall des Fallbegriffs1 die dahinterstehende Haltung transportiert.
Zentrale Grundannahmen
»Traumapädagogisches diagnostisches Verstehen« darf nicht zu Lasten der Würde der Mädchen und Jungen, Frauen und Männer geschehen. Luise Reddemann
fordert, »stets unsere Diagnosen quasi wie in Anführungszeichen zu setzen, wir
benötigen sie vielleicht , aber sie sind keine Aussagen über Wahrheiten« (Reddemann 2015, S. 230). »Vielleicht haben Fachmenschen Diagnosen, also vermeintliches Wissen über die Hintergründe des Verhaltens der Mädchen und Jungen im
Kopf und fragen nicht nach, ob diese das auch so sehen oder ob sie andere Verstehensmodelle haben. Vielleicht ist ja alles ganz anders ?« (Ebert et al. 2022, S. 50),
1
Der Verzicht auf das Wort »Fall« ist vor allem begründet durch eine Intervention des Expert*innenrats des Fachverbands Traumapädagogik: »Wir sind doch kein Fall!« Zur ausführlichen Begründung des Fallbegriffs und des Wegfalls des Fallbegriffs siehe Gahleitner und van Mil (2022).
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