2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-traumapaedagogik/pages/200.md

34 lines
2.5 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

200
Rassismus als Trauma ein strukturelles Problem in der psychosozialen Arbeit
aus (Gold et al. 2021; Nadal et al. 2019). Auch stellte Hans Keilson heraus, dass für
die Heilung der psychischen Folgen von Traumatisierung der gesellschaftliche
Kontext von zentraler Bedeutung ist. Dies wirft wichtige Fragen auf wie zum Beispiel: Welcher politischen und gesellschaftlichen Schritte bedarf es noch, um das
Leid der von Rassismus Betroffenen endlich uneingeschränkt anzuerkennen und
somit einen wichtigen Beitrag zur subjektiven Sicherheit aller Menschen zu leisten? Nicht zuletzt im Gesundheitswesen.
Erfahrungen aus der Praxis und ein Plädoyer
Es folgen einige Fragen, die Gedanken und Erfahrungen aus unserer aktivistischen, politischen und therapeutisch-beraterischen Praxis zusammentragen.
Welche Folgen haben rassistische Terroranschläge wie Hanau auf die
Community?
Antisemitische oder rassistische Terroranschläge wie in Halle oder Hanau haben
nicht nur immense gesundheitliche Folgen für die direkt Betroffenen. Vielmehr
hinterlassen diese Ereignisse auch gravierende Einschnitte in den Alltag der indirekt betroffenen Communities, was im gesellschaftlichen und politischen Diskurs
oft in Vergessenheit gerät. Solche Anschläge können angstverstärkend und einschüchternd wirken. Sie können großen Stress und teils Todesängste auslösen
bei direkt Betroffenen, ihren Angehörigen und eben auch Menschen, die sich mit
den Betroffenen identifizieren. Aus unserer Arbeit wissen wir, dass diese Ereignisse auch zu einer aufmerksameren Wahrnehmung des Alltags führen: Das bedeutet, dass Menschen ihre alltägliche Konfrontation mit Rassismus nach solchen Anschlägen viel bewusster erkennen. Viele rassistische Diskriminierungen werden
erst in diesem Licht retrospektiv benennbar. Das löst im ersten Moment keine
Probleme, sondern zwingt die Menschen vielmehr, sich damit auseinanderzusetzen, zum Beispiel, inwiefern sich sogenannte »Othering«-Prozesse tagtäglich auf
ihre Lebenswelt auswirken.
Was genau versteht man unter »Othering«-Prozessen?
Said Etris Hashemi, Überlebender und Hinterbliebener des Anschlags in Hanau
am 19.02.2020, schreibt in seinem Buch: Ȇberall ist man ein ihr, nie ein Teil des
wir« (Hashemi 2024).
Othering bedeutet »Andersmachen«. Der Begriff beschreibt den Prozess, in
dem vermeintlich »Andere« als fremd kategorisiert und gesellschaftlich als nicht
zugehörig behandelt werden. Sämtliche Menschen, die innerhalb der Gesellschaft
oder globalen Strukturen über weniger Macht verfügen, können davon betroffen