2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-traumapaedagogik/pages/096.md

32 lines
2.9 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

96
Nutzen der traumapädagogischen Haltungen
sichtigung des Konzepts des sicheren Ortes ist zu beachten, dass gerade ethische
Dilemmata dazu führen, dass Orte und Arbeitsstellen unsicher werden und Mitarbeitende extrem verunsichert sein können. Größte Ohnmacht in Teams ist oft genau dann zu beobachten, wenn mehrere Mitarbeitende unterschiedliche ethische
und moralische Positionen zu einzelnen Verhaltensweisen haben und nicht hinter
den Konzepten ihrer Leitung oder ihrer Kolleg*innen stehen können. Insbesondere, wenn es nicht möglich ist, Gewissensnöte in der Einrichtung zu kommunizieren und keine Möglichkeit besteht, die moralischen Vorstellungen mit den Kolleg*innen sowie der Leitung zu diskutieren, verlieren Mitarbeitende oft ihren
inneren Kompass, wenn Differenzen zwischen den eigenen moralischen Vorstellungen und der pädagogischen Praxis realisiert werden.
Ethik als Frage der Einrichtungsstruktur und -kultur
Nun könnte argumentiert werden, dass die Unsicherheiten eher aus Teamkonflikten und einer Uneinigkeit über das pädagogische Vorgehen resultieren. Das ist
aber nur bedingt so, da sich diese moralischen Dilemmata vorrangig auf innere
Konflikte und auf die individuelle Handlungsfähigkeit auswirken. Die fehlende
Diskussionsbereitschaft schwächt ein Team dann noch weiter. Ein Team, das ethische Konflikte bezüglich seines Vorgehens in sich trägt oder sein Vorgehen wegen
ethischer Zweifel nicht offen nach außen kommunizieren kann, verliert durch die
mangelnde Vernetzung auch die Außenperspektive und isoliert sich immer weiter.
Das führt dazu, dass sich unethische Haltungen verfestigen, ausbreiten und irgendwann in einem in sich geschlossenen System gar nicht mehr auffallen oder
kritisch hinterfragt werden.
Nicht selten fühlen sich die betroffenen Fachkräfte in solchen Situationen dann
sehr einsam und selbstunwirksam, und sie zweifeln an ihrer Einschätzung. Mit
ihrer Meinung stehen sie doch oft gegen ein ganzes Team oder die Vorgesetzten.
Sie schweigen und leiden bzw. stumpfen ab oder kündigen wieder, da sie diese Situationen nicht aushalten können oder wollen. Deshalb ist es wichtig, sichere
Strukturen zur Reflexion von herausfordernden Interaktionen der Fachkräfte mit
Jugendlichen zu etablieren, in denen man sich über ein besseres Verstehen selbst
stabilisieren und neue Handlungsstrategien entwickeln kann, was die Selbstwirksamkeit der Fachkräfte nachhaltig stärkt (Schmid/Lang 2015).
Um für sich selbst einen sicheren Ort zu haben, müssen das eigene Handeln
und die institutionellen Verhältnisse mit den eigenen moralischen Werten übereinstimmen. Nur dann gewinne ich die äußere Sicherheit im Verhältnis meines
Handelns zu den institutionellen Verhältnissen und die innere Sicherheit durch
die Übereinstimmung meines eigenen Handelns mit meinen moralischen Werten.
Eine solche traumasensible Einrichtungskultur reduziert nachweislich den Stress