2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/209.md

3.3 KiB
Raw History

Wenn misshandelte Frauen ihre Kinder misshandeln

211

Nach der für Deutschland repräsentativen Untersuchung von Christian Pfeiffer und Peter Wetzels (1996) geht schwerwiegendere Partnergewalt einher mit erhöhter elterlicher Gewalt (einschließlich der Erziehungspraktiken misshandelter Frauen), und Kinder aus stark konflikt- und gewaltbelasteten Familien tragen ein größeres Risiko, auch Opfer sexueller Ausbeutung zu werden. Ǯ’Žȱ ‘㌑œŽȱ ŠŽȱ Š”’ŸŽ›ȱ Ž Š•ȱ ŽŽ—ȱ ’Žȱ Ž’Ž—Ž—ȱ ’—Ž›ȱ ’œȱ ‹Ž’ȱ ûĴŽ›—ȱ £žȱ ꗍŽ—ǰȱ ’Žȱ in ihrer Kindheit Opfer elterlicher körperlicher Misshandlung waren und zugleich als Erwachsene durch schwere innerfamiliäre Gewalt reviktimisiert wurden. Viktimisierung durch schwere innerfamiliäre Gewalt im Erwachsenenalter und Viktimisierungserfahrungen in der ’—‘Ž’ȱŽ›‘㑎—ȱž—Š‹‘§—’ȱŸ˜—Ž’—Š—Ž›ȱ‹Ž’ȱûĴŽ›—ȱ”ž–ž•Š’Ÿȱ’ŽȱŠ‘›œŒ‘Ž’—•’Œ‘”Ž’ǰȱ dass sie auch physische Gewalt gegen ihre Kinder angeben“ (Wetzels 1997: 237).

Neben diesen Zusammenhängen gilt es aber auch gerade Lebensläufe solcher Frauen und Männer, Mütter und Väter zu untersuchen, die Gewalterfahrungen nicht weitergeben und die nicht gewalttätig geworden sind, weder in der Partnerschaft noch in der Elternrolle. Denn dann würde deutlich, welche Möglichkeiten es braucht, um derart traumatisierende Erfahrungen zu verarbeiten, zumindest aber nicht weiterzugeben respektive nicht in die Opferposition zu geraten. Wenn Gewalt im Geschlechter- und im Generationenverhältnis zusammen untersucht wird, werden Frauen und Männer im doppelten Handlungs- und Beziehungskontext sichtbar: als Paar und als Eltern. Damit wird der Blick frei für das soziale Problem, dass Frauen im Kontext des Geschlechterverhältnisses Opfer männlicher Gewalt sein können, im Kontext des Generationenverhältnisses hingegen selbst gewalttätig zu handeln vermögen, wenngleich nach vorliegenden Untersuchungen in geringerem Maße, als es ihrem Anteil in der Versorgung entspricht (Godenzi 1996). Das heißt nicht, dass beide Gewaltformen gegeneinander aufgerechnet werden, sondern dass die Problemlagen sehr komplex sein können. Sowohl geschlechts- als auch generationsspezifische Gewalt verweist auf die Nähe von Intimität und Konflikt, von Fürsorge und Zwang unter den Bedingungen geschlechter- und generationenhierarchischer Abhängigkeitsverhältnisse (Honig 1992). Die Botschaft familialer Gewalt ist, dass sich Liebe und Gewalt nicht ausschließen, sondern miteinander verbunden sein können und dass Zuwendung und Zwang in Familien in besonderer Weise zusammengehen. So erscheinen im häuslichen Kontext gewalttätige Handlungsweisen als legitim, die es gegenüber Fremden nicht wären: Sexuelle Übergriffe werden maskiert als Zuwendung, Schläge erscheinen als Fürsorge, Brutalität vermischt sich mit Bedürftigkeit. Diese Vermischungen ermöglichen Tätern, ihre Tat zu negieren und bewirken bei Opfern Verhaltens- und Gefühlsverunsicherungen bis hin zu Traumatisierungen. Doch ein solchermaßen gestaltetes Verhältnis von Liebe und Gewalt ist keineswegs ein Naturgesetz, sondern historisch und kulturell sehr unterschiedlich ausgeprägt (Levinson 1988) und