2026-001/documents/theory/diagnostics/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/146.md

1.7 KiB
Raw Blame History

der psycho- und soziodynamischen Sichtweise scheiterte. Viele Anschlüsse haben genau diese Verbindung gesucht, das psychoanalytische Denken soziokulturell Kontext sensibel erweitert und von einer triebtheoretischen Fixierung befreit (so Kamper 1974, s. auch die Theorie Eriksons, die noch dargestellt wird). Gelingt das, kann der Beitrag der Psychoanalyse für die Sozialisationstheorie immer noch als bedeutsam eingeschätzt werden (Leithäuser 2012). Das Besondere liegt in der Nachzeichnung eines Spannungsverhältnisses zwischen der inneren menschlichen Natur von Motiven und Trieben und der gesellschaftlichen Kultur mit ihren sozialen Normen und Sanktionen, das die Persönlichkeitsentwicklung lebenslang charakterisiert (Furth 1990). Interessanterweise hatten bereits die Vertreter der Frankfurter Schule die Lücke gesehen, die Freud dadurch gelassen hatte, dass er ein zu wenig präzises Verständnis gesellschaftlicher Umfeldbedingungen gelassen hatte. Die Frankfurter Schule setzt hier die soziologische Interpretation der Psychoanalyse an (Dahmer 2019). So hatte etwa Herbert Marcuse auf den unterdrückenden Charakter einer Kultur hingewiesen, die in kapitalistischen Gesellschaften das »Es« nicht nur beherrscht, sondern so weit unterdrückt, dass negative Auswüchse dieser Herrschaft einen Teil der Massengewalt des 20. Jahrhunderts erklären. Eine daran anschließende Reformulierung Freuds durch Marcuse ergibt, dass das »Ich« sich mit dem »Es« auszusöhnen vermag, wenn das über die herrschende Kultur vermittelte »Leistungsprinzip«, repräsentiert im »Über-Ich«, eingeschränkt wird (Marcuse 1990). DER PSYCHOSOZIALE ZUGANG ALFRED LORENZERS Alfred Lorenzer (19222002), der eine andere Lesart und Weiterentwicklung des Freudschen Denkens repräsentiert,