- Chapter 08: Situationserfassung - Added multiple references related to Auftrag, Aufgaben, and Methoden. - Updated content to clarify the importance of cooperation and resource orientation in situation assessment. - Chapter 09: Analyse - Introduced new references discussing the analysis process and methods. - Expanded on the distinction between data organization and the collection of assessments from stakeholders. - Chapter 10: Diagnose - Added references clarifying the etymology and significance of diagnosis in social work. - Updated sections on diagnostic principles, expert activity, and dialogical negotiation. - Included a detailed description of theory-guided case understanding and reconstructive methods.
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# 10 Diagnose
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Diagnose ist ein zentraler Prozessschritt der Kooperativen Prozessgestaltung, bei dem es um das Erhellen und Verstehen eines Falles geht ([S. 232](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-1)). Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet ›unterscheidende Beurteilung und Erkenntnis‹ bzw. ›durch und durch Erkennen‹ ([Begriffsklärung](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-13)). Dass Mary Richmond 1917 mit ›Social Diagnosis‹ den Begriff erstmals für die Soziale Arbeit beanspruchte, gilt als Meilenstein der Professionsentwicklung ([Professionalisierung](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-14)). Alice Salomon führte den Begriff 1926 in Deutschland ein; seither haben zahlreiche Publikationen die Entwicklung einer eigenständigen sozialen Diagnostik vorangetrieben.
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## Aufgabe, Prinzipien und Merkmale
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Diagnostik befasst sich mit der Frage, wie angesichts komplexer Lebensverhältnisse eine sinnvolle Unterstützung gefunden werden kann. Heiner hat vier diagnostische Prinzipien als ›professionstheoretische Standards‹ formuliert, die als normative Postulate gelten ([Heiners Prinzipien](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-15)): sozialökologische, multiperspektivische, partizipative und reflexive Orientierung. Mittelpunkt des Fallverstehens ist die subjektive Sichtweise des Klientensystems; der Zugang ist hermeneutisch und zielt darauf, den Eigen-Sinn in der Lebensgeschichte eines Menschen zu entschlüsseln. Jede Diagnose hat eine handlungsleitende und prognostische Funktion — sie soll Antworten liefern auf die Frage, was zu tun ist.
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Diagnosen sind wissensbasierte Deutungen von Wirklichkeit, deren Richtigkeit offen bleibt ([Merkmale](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-2)). Ihre Validierung erfolgt einerseits durch die Beurteilung der Klient\*innen als angemessen, andererseits durch die Wirksamkeit der daraus abgeleiteten Interventionen. Diagnosen haben stets Hypothesencharakter und sind prozesshaft: Sie werden im Verlauf eines Unterstützungsprozesses gemeinsam mit dem Klientensystem überprüft und weiterentwickelt.
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## Expertentätigkeit und dialogische Aushandlung
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Professionelle nehmen stellvertretend für Klient\*innen Deutungen vor, indem sie deren Situation unter Beizug fachlicher Wissensbestände zu erklären suchen ([Expertentätigkeit](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-16)). Demgegenüber betont die Aushandlungsrichtung (Merchel, Kunstreich) den gemeinsamen diskursiven Prozess als Kern der Diagnose. Ein wesentlicher Bestandteil besteht darin, fachliche Deutungen in den Aushandlungsprozess einzubringen und sie ›den Menschen zurückzugeben‹. Die partizipative Orientierung ist als Qualitätsstandard sozialer Diagnostik festgeschrieben.
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## Funktionen und Methodenkategorien
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Heiner unterscheidet vier Funktionen sozialer Diagnostik: Orientierungs-, Zuweisungs-, Gestaltungs- und Risikodiagnostik ([Funktionen](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-3)). Bezogen auf den Prozessschritt Diagnose lassen sich zwei Kategorien von Diagnosemethoden unterscheiden ([Kategorien](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-17)): wissensbasierte Methoden, die einen Fall auf der Folie eines ›Allgemeinen‹ erhellen, und rekonstruktive Methoden, die mittels qualitativer Sozialforschung Selbstdeutungsmuster und handlungsleitende Sinnstrukturen rekonstruieren.
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## Theoriegeleitetes Fallverstehen
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Die zentrale wissensbasierte Diagnosemethode ist das theoriegeleitete Fallverstehen, das in fünf Schritten vorgeht. Zunächst werden anhand der Fallthematik geeignete Wissensbestände gewählt — grundsätzlich kommen Theorien der Sozialen Arbeit und aller Nachbardisziplinen in Frage ([Wahl der Wissensbestände](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-4)). Im zweiten Schritt erfolgt die Relationierung von Theorie und Fall durch ›theoriegeleitete Fallüberlegungen‹. Drittens werden die Erklärungen fokussiert und als ›erklärende Hypothesen‹ in der Form ›Weil …‹ festgehalten ([erklärende Hypothesen](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-8)). Der vierte Schritt mündet in der handlungsleitenden Arbeitshypothese, die einen Blickwechsel einleitet: zurückschauend auf die Erklärungen und vorausblickend auf die Zielrichtung ([Arbeitshypothese](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-5)). Im fünften Schritt werden Folgerungen für die Professionellen abgeleitet, die als Brücke zur Interventionsplanung dienen.
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Die dialogische Validierung der Erkenntnisse mit dem Klientensystem ist dabei zentral: Vom Klienten als hilfreich beurteilte Erklärungen werden in die Arbeitshypothese aufgenommen ([partizipative Validierung](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-6)). Ein ausführliches Fallbeispiel illustriert das Vorgehen am Fall eines 24-jährigen Mannes in einer geschützten Wohneinrichtung ([Fallbeispiel](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-7)), bei dem drei theoretische Zugänge — Lebensbewältigungskonzept, psychosoziale Entwicklungstheorie und systemischer Ansatz — genutzt und die Erkenntnisse in einer handlungsleitenden Arbeitshypothese verdichtet werden. Als niederschwellige Variante wird das erfahrungsbasierte Fallverstehen mit der Methode ›Böser Blick – freundlicher Blick‹ vorgestellt.
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## Rekonstruktives Fallverstehen
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Seit den 1980er Jahren wurden in Orientierung an einer ethnografischen Perspektive rekonstruktive Diagnosemethoden entwickelt ([rekonstruktive Methoden](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-9)). Auf der Basis autobiografischer Erzählungen werden handlungsleitende Sinnkonstruktionen rekonstruiert. Vorgestellt werden die Objektive Hermeneutik (Oevermann), die Fallrekonstruktion nach Haupert — eine ›rekonstruktiv verfahrende Kunstlehre‹, die ausschliesslich auf der Ebene der Professionellen stattfindet ([Fallrekonstruktion](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-10)) — sowie die narrativ-biografische Diagnostik (Fischer/Goblirsch) und die sozialpädagogisch-hermeneutische Diagnose (Uhlendorff), bei der Kinder ab dem 10. Lebensjahr ihre Selbst- und Weltdeutungen mitteilen ([Uhlendorff](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-11)). Die Systemmodellierung schliesslich wurde an der FHNW auf der Grundlage der Kategorien Integration und Lebensführung entwickelt und ermöglicht die Visualisierung psycho-sozialer Dynamiken ([Systemmodellierung](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-18)).
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## Methodenreflexion
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Die Methoden werden anhand der in Kapitel 7.4 erarbeiteten Reflexionskriterien beurteilt ([Reflexion](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-12)). Alle erfüllen professionsethische Kriterien in hohem Mass. Empfohlen wird das theoriegeleitete Fallverstehen als vielseitig einsetzbare Methode, die partizipative Orientierung gewährleistet und Interventionshinweise erarbeitet, oder — im stationären Kontext — die narrativ-biografische Diagnostik.
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**Seiten:** 232–273
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**Zeilen im Quelldokument:** 2182–2602
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