2026-001/documents/theory/diagnostics/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/497.md

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Zwiespalt. Sollte er schlafen gehen, obwohl er mir noch zwei Stunden
Schlaf schuldete? Er entschied sich für einen Kompromiss: Er würde sich
zum Schlafen fertig machen und das Bohnerwachs und die Tücher um 8
Uhr herausnehmen. Wenn er um 8 h 15 noch die Uhr lesen könne, würde
er aufstehen und die ganze Nacht den Fußboden bohnern.
Ein Jahr später erzählte er mir, er habe seitdem jede Nacht geschlafen.
Ja er sagte sogar: Wissen Sie, ich wage es überhaupt nicht, an
Schlaflosigkeit zu leiden. Ich sehe auf die Uhr und sage mir: Wenn ich in 15
Minuten noch wach bin, muss ich die ganze Nacht den Fußboden bohnern,
und das meine ich ernst. Wissen Sie, der alte Mann war bereit, alles zu
tun, um nicht den Fußboden bohnern zu müssen sogar schlafen“ (Haley
1989, S. 15 f.).
Diese Lehrgeschichte macht nochmals einige wichtige Aspekte eines
Ordeals deutlich: Es unterbricht den erfolglosen Kampf gegen ein Problem
und den bislang erfolglosen Problemlösungsversuch, der selbst zum
Problem in Form einer eingeschliffenen, ritualisierten Gewohnheit
geworden ist. Es enthält eine nützliche, aber ungeliebte Aufgabe, die ein
deutliches Gegengewicht zum bisherigen Verhalten darstellt. Die Aufgabe
wird zu negativen Affekten gegenüber dem Therapeuten führen. Diese sind
verständlich und seitens des Therapeuten akzeptiert; deshalb
Schuldgefühle zu entwickeln ist unnötig. Aus diesem Grund sagt Erickson
sie voraus und normalisiert sie durch Inhalt und Form seiner Formulierung.
Ein Ordeal setzt auch die intensive Bereitschaft zur Kooperation voraus in
diesem Fall muss der Klient acht Stunden Schlaf „einsparen“, und er
bemüht sich sehr darum. Das Ordeal setzt direkt in der Lebenswelt und bei
den Möglichkeiten der Auftraggeberinnen an und gibt diesen einen
positiven Sinn. Und in unserem Fall kann vermutet werden, dass mit dem
Polieren des Fußbodens auch ein Stück Trauer-, d. h. Erinnerungs- und
Bewältigungsarbeit verbunden ist. Ich vermute, dass der alte Herr hier eine
Arbeit übernimmt, die früher von seiner Frau ausgeführt wurde. Nun ist er
allein und muss diese neue Situation kognitiv und affektiv bewältigen. Die
Maßschneiderung des Ordeals zeigt sich z. B. daran, dass die
„Nachtschicht“ um sieben Uhr morgens beendet wird, genau zu der
Uhrzeit, zu der er sonst nach einer qualvollen Nacht aufsteht; und er hat
dafür wie es Erickson ausdrückte nur zwei Stunden Schlaf geopfert.
Das Tagewerk kann dann wie bisher beginnen; hier bleibt eine Sicherheit
gebende Kontinuität. Deutlich wird auch das paradoxe Element des