2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/062.md

3.1 KiB
Raw History

›Šž–Š’œ’Ž›ž—ȱŸ˜—ȱ ’—Ž›—ȱž›Œ‘ȱ Ž Š•ȱŽŽ—ȱ’ŽȱžĴŽ›

63

Untersuchungen legen einen engen Zusammenhang zwischen männlicher Gewalt gegen Frauen und Kinder nahe.23 Dieser Zusammenhang wurzelt in einem patriarchalen Familienverständnis, in dem sich der Mann als Herr über Frau und Kinder fühlt. Frauen sind als Mütter jedoch nicht nur Opfer von Männergewalt, sondern werden häufig zu Mittäterinnen, manchmal auch zu offenen Täterinnen ihren Kindern gegenüber und geben die selbsterlittene Gewalt in vielfacher Form an die Kinder weiter, „…weil sie jemand braucht, der nach ihr kommt“, wie es die 13-jährige Patricia formulierte. Die häuslichen Gewalterfahrungen hinterließen tiefe Verletzungen, Gefühle von Ohnmacht und Schuld, Wut und Hass bei den Kindern. Das Verschweigen der Gewalt führte zu sozialer Isolation, bis zum Aufenthalt im Frauenhaus hatten die meisten Kinder niemandem davon erzählt. Sie lebten in Angst und Anspannung, vermieden nahe Kontakte und zogen sich zurück. Häufig führten die gewaltt䝒Ž—ȱ§——Ž›ȱŽ’—ȱž—‹ŽœŒ‘˜•Ž—Žœȱދޗȱ’—ȱŽ›ȱ[Ž—•’Œ‘”Ž’ǰȱ §‘›Ž—ȱ›ŠžŽ—ȱ und Kinder aus Scham- und Schuldgefühlen schwiegen. Auch innerhalb der eigenen Familie wurde geschwiegen, meistens verleugneten auch die Mütter die erlittene Gewalt vor den Kindern. Dieser Ausschluss von Kindern verweist auf ein Kindheitsbild, das auch Mütter verinnerlicht haben: Kinder sollen von der Welt der Erwachsenen ferngehalten werden, auch wenn sie unentrinnbar darin eingeschlossen sind. So wird es Kindern schwer gemacht, sich offen mit dem Erlebten auseinanderzusetzen. Durch den Kreislauf von Schweigen und Isolation entsteht ein jahrelanges äußeres und inneres Gefangensein in häuslichen Gewaltverhältnissen. Die Folgen des Schweigens und Ausharrens in Gewaltbeziehungen sind schwerwiegend, die Kinder leiden unter Ängsten, Albträumen, Schlafstörungen, Einnässen, Einkoten, Sprach- und Lernschwierigkeiten, destruktivem und selbstschädigendem Verhalten, um nur einige Auswirkungen zu nennen. Langdauernde immer wiederkehrende Gewalt in der Familie hinterlässt tiefe Spuren in der seelischen Entwicklung der Kinder, die nicht einfach wiedergutzumachen sind. Wenn der persönlichste Lebensbereich, der ein Ort von Geborgenheit und Schutz sein sollte, von Gewalt und Willkür beherrscht und zu einer Quelle permanenter Angst wird, werden die Kinder in ihrem Vertrauen grundlegend erschüttert und in ihrer Entwicklung und Entfaltung massiv beeinträchtigt. Die Familie als Ort alltäglicher Gewalt gegen Frauen und Kinder zeigt jedoch nach außen hin häufig ein lächelndes Gesicht, eine Maske, eine zur Schau gestellte Fassade, wie es die zwölfjährige Nora in einer Zeichnung ihres Elternhauses zum Ausdruck brachte: „Das Haus lacht, die Menschen drinnen

23 Zahlreiche empirische Untersuchungen aus dem angloamerikanischen Raum verweisen auf einen engen Zusammenhang zwischen Misshandlung und Missbrauch von Frauen und Kindern, vgl. Morley, Rebecca/ Mullender, Audrey 1996.