2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/055.md

3.4 KiB
Raw History

56

Der Blick der Forschung

In der Folge fühlte sich Amela isoliert und erlebte das Wiederkehren traumatischer Angst: „...also ich fühlte mich zu schwach, weil immer wenn ich daran denke, habe ich immer anŽŠ—Ž—ȱ£žȱ Ž’—Ž—ǰȱŠ——ȱ Š›ȱŠ••Žœȱ ’ŽŽ›ȱŠǰȱ’Žȱ—œȱ’–ȱŠžŒ‘ȱž—ȱœ˜ȱdzȱž—ȱ’Œ‘ȱ‘ŠĴŽȱ halt in der Schule auch Angst, hab ich dann wieder alles falsch gemacht oder ich hab immer œ˜ȱŽ£’ĴŽ›ȱ˜Ž›ȱœ˜ȱ Šœȱ‘Š•ȱdzȱž—ȱŠ–ȱ‹Ž—ǰȱŠȱ”˜——Žȱ’Œ‘ȱ—’ŽȱœŒ‘•ŠŽ—ǰȱŠȱ‘ŠĴŽȱ’Œ‘ȱ’––Ž›ȱ Albträume, … von anderen Männern, die Kinder stehlen … oder schlagen, … und von Gespenstern: ... das kam eh immer vom Vater.“

Ihrer Mutter erzählte sie nichts von den Albträumen. Amela tröstete sie oft, denn die Mutter war in anhaltende Trauer über das Zerbrechen der Familie versunken.16 Sie hatte alles verloren, ihre Heimat, ihren Mann und hatte —œǰȱ˜‹ȱœ’Žȱ–’ȱŽ—ȱ ’—Ž›—ȱŠ••Ž’—Žȱ’—ȱ[œŽ››Ž’Œ‘ȱû‹Ž›•ދޗȱ”˜——ŽǯȱžŒ‘ȱ Amela empfand tiefe Trauer über den Verlust der Heimat, ihres großen Familien- und Verwandtschaftsnetzes und das Auseinanderbrechen der Ehe ihrer Eltern. Das Frauenhaus war der einzige sichere Ort in der Fremde. Ebenso wie Amela erzählte auch ihr 17-jähriger Bruder Kemal, wie schwierig es für ihn war, das Zerbrechen der Familie zu ertragen. Obwohl er versucht hatte, die Ehe seiner Eltern zu retten, konnte er die Trennung nicht verhindern. „Ich hab sie immer beschützt, meine Mutter“ sagt Kemal, der am Beginn der Misshandlungen 11 Jahre alt war. „Kemal hat mich ins Schlafzimmer gebracht und die Türe zugesperrt“, erzählt seine Mutter. Deshalb habe ihr Mann Kemal auch zunehmend bedroht. „Es war ein Schock, dass meine Familie zerbrach“, erinnert sich Kemal, „es ist nicht so gut, wenn man sich als Moslem scheiden lässt“, fügt er hinzu. Durch die Migration und anschließende Erfahrung von Gewalt und Trennung erlitten Amela und Kemal einen doppelten Verlust. Im Frauenhaus konnten sie ihre Isolation überwinden und einen neuen Anfang ohne Vater finden. So wie Amela, die vor Angst gelähmt war und Kemal, der seine Mutter beschützte, waren die Kinder zwischen Ohnmachtsgefühlen und dem Wunsch, der Mutter zu helfen, hin- und hergerissen. Etwa ein Drittel der interviewten Kinder erinnerten sich an Misshandlungsszenen, bei denen sie sich zwischen die Eltern gestellt hatten. Sie versuchten, Hilfe zu organisieren, riefen die Polizei oder leisteten Erste Hilfe. Viele Kinder wurden vom Vater bedroht, manche selbst misshandelt, wenn sie ihrer Mutter helfen wollten. Psychische Gewalt gegen die Mutter wurde von den Kindern ebenso verletzend wie körperliche Misshandlung erlebt. So meinte die zwölfjährige Nora: „...und ich wollte noch sagen, manchmal also denke ich mir, dass es für mich ärger ist, dass er mit der Mama schreit, als wenn er sie schlägt. Also dass mich das eher berührt und fertig –ŠŒ‘ȃǯȱ’Žȱû‘•ŽȱŠ——ǰȱŠœœȱǮ‹Ž’Žȱ–’Œ‘ȱ”Š™žĴ–ŠŒ‘Ž—ȃǯȱǮ—ȱ Šœȱ–ŠŒ‘ȱ’Œ‘ȱŠȱ”Š™žĴȱ an dem Schreien?“ frage ich. „Dass wir keine normale Familie mehr sind“, antwortet Nora. 16 Zur Problematik der Parentifizierung von MigrantInnenkindern vgl. Kalifa-Schor 2002, S. 207 ff.