31 lines
4.2 KiB
Markdown
31 lines
4.2 KiB
Markdown
---
|
||
id: "diagnosis-theorie-2"
|
||
type: "markdown"
|
||
title: "Theorie 2"
|
||
hint: "Wähle einen zweiten Wissensbestand/Theorie als «Scheinwerfer» für die Fallthematik. Wähle eine Theorie, die einen anderen Aspekt der Fallthematik beleuchtet als Theorie 1 — z. B. Entwicklung (Erikson, Piaget), Bindung (Bowlby), Lebensbewältigung (Böhnisch), Kommunikation (Watzlawick) oder systemische Perspektive."
|
||
footnote: "📚 Zweiter Theorierahmen für vertiefte Fallanalyse"
|
||
---
|
||
Wilma Weiss vertritt eine traumapädagogische Sichtweise, die vom guten Grund des Verhaltens ausgeht und auf Selbstbemächtigung zielt (Weiss, 2024).
|
||
|
||
Wilma Weiss ist es wichtig, dass Verhaltensweisen und ihr guter Grund zuerst verstanden und nicht als Erstes verändert werden. Sie sagt, dass die Würdigung dieser Strategien Stress verringert und den Blick auf neue Handlungsmöglichkeiten öffnet. Zu sagen, dass dieses Verhalten eine normale Reaktion auf belastende Situationen ist, kann von Schuld und Scham entlasten (Weiss, 2024, S. 120–121, 142).
|
||
|
||
So verstehe ich Lenys Vergessen, Ausweichen und Orientierungsschwierigkeiten nicht als einzelne Verhaltensprobleme, sondern als nachvollziehbare Reaktionen auf anhaltende Belastung.
|
||
|
||
Wilma Weiss schreibt, dass häusliche Gewalt für Kinder eine starke Belastung bedeutet. Kinder verzichten oft darauf, ihre Gefühle auszudrücken, um die Mutter nicht zusätzlich zu belasten. Sie übernehmen Verantwortung, fühlen sich schuldig und haben Angst um die Mutter, um sich selbst und um die Zukunft (Weiss, 2024, S. 42).
|
||
|
||
Lenys Sorgen um die Mutter und die Geschwister lese ich dadurch stärker als Ausdruck der belasteten Situation zuhause, der wiederkehrenden Konflikte im Herkunftssystem und eines inneren Verantwortungsgefühls für seine Familie, wie es auch in dem bei Ritscher beschriebenen Wutanfall sichtbar wurde.
|
||
|
||
Weiss verweist an dieser Stelle auf Kavemann und Kreyssig (2013). Durch sie konnte ich die Auswirkungen häuslicher Gewalt genauer verstehen. Miterlebte Partnergewalt wird mit Beeinträchtigungen in Entwicklung, Beziehungsgestaltung und Selbstregulation in Verbindung gebracht. Weitere Belastungen können diese mitprägen, erklären sie aber nicht vollständig. Miterlebte Partnergewalt bleibt ein eigener starker Belastungsfaktor. Die Bedrohung einer engen Bezugsperson erzeugt bei Kindern erheblichen Stress, an den sie sich nicht gewöhnen (Kavemann & Kreyssig, 2013, S. 43 ff.).
|
||
|
||
So werden für mich die Spuren häuslicher Gewalt bei Leny greifbarer. Seine Belastung zeigt sich im Alltag oft eher leise, etwa in Ausweichen, Vergessen und Orientierungsschwierigkeiten, und nicht in einer offen auffälligen Form.
|
||
|
||
Frühe Stresserfahrungen speichern sich im Körper und können sich durch Erstarren oder Dissoziation zeigen. Weiss beschreibt, dass sich Dissoziation als früherer Überlastungsschutz unter anhaltender Belastung immer wieder aktiviert. Konzentrationsstörungen und Abschweifen können Ausdruck davon sein (Weiss, 2024, S. 145–146). Sie beschreibt auch, dass belastete Kinder im Schulalltag besonders gefordert sind und sichere Lern- und Lebensräume brauchen (Weiss, 2024, S. 166–167). Damit werden für mich Lenys Abschweifen, Vergessen und Abwesenheit verständlicher, und ich kann sie als dissoziative Reaktionen einordnen. Es wird für mich deutlich, dass Lenys Belastungen mit Schuld- und Schamgefühlen verbunden sein können.
|
||
|
||
**Transparenz und Partizipation können Erfahrungen von Ohnmacht und Willkür korrigieren. Nicht zu wissen, was mit einem geschieht, kann beängstigend sein. Kinder und Jugendliche brauchen deshalb ehrliche, durchschaubare und nachvollziehbare Entscheidungen sowie Mitbestimmung (Weiss, 2024, S. 157–159).**
|
||
|
||
*(_Könnte gestrichen werden, wenn Transparenz und Partizipation in den folgenden Hypothesen oder Interventionen nicht weiter zentral aufgenommen werden._)*
|
||
|
||
**Im Praxisbetrieb bestehen klare Strukturen, die bei Leny jedoch nicht einfach greifen. Das lässt mich vermuten, dass für ihn nicht nur Struktur, sondern auch Verstehbarkeit, nachvollziehbare Entscheidungen und Mitbestimmung wichtig sind.**
|
||
|
||
*(_Könnte gestrichen werden, wenn du den Abschnitt zu Transparenz und Partizipation weglässt, da der Fallbezug sonst ohne theoretische Herleitung stehen bleibt._)*
|