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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 255 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
- Aufsuchende Familientherapie als ambulante Hilfe zur Erziehung
tion. Alle haben in der Vergangenheit schwere Krisen und Zeiten miteinander bewältigt. Dafür zollten wir ihnen unseren Respekt – auch für die offen geäußerte Skepsis.
7.3 Wege und Irrwege Eine Anteil nehmende, wertschätzende und schon zu Beginn immer wieder mühsam gegen die familiäre Wirklichkeitskonstruktion (die Mutter als Täterin, Vater und die Kinder als ihre Opfer) hergestellte Haltung der Allparteilichkeit halfen uns, schnell in der Familie »anzukommen«. Im Wechselspiel von Identifikation mit und Distanzierung von den Einzelnen, ihrer Lebenslage und der familiären Situation insgesamt erreichten wir rasch eine große Akzeptanz von uns als Personen, unserer Anwesenheit in und Arbeit mit der Familie – auch wenn vor allem die Kinder ihre Skepsis gegenüber einem Erfolg weiterhin nicht verhehlten. Dennoch empfand die Familie – insbesondere Frau Ernst – unser Kommen als Würdigung. Scham und Ängste im Blick auf mögliche Bewertungen oder Kontrolle unsererseits (z. B. Ordnung und Sauberkeit in der Wohnung) ließen sich schnell überwinden. Mit zunehmender Dauer der Therapie wurde unsere Allparteilichkeit aber immer prekärer. Frei nach Stierlin (1972) könnte man sagen: »Die Wertschätzung des einen ist die Abwertung des andern.« Wenn wir uns z. B. Herrn Ernst in seiner spezifisch schwierigen Situation (Inhaber eines kleinen, verschuldeten Familienbetriebs, um den er im Blick auf eine Scheidung Angst hat) zuwandten, wurde dies von Frau Ernst als Herabwürdigung ihrer Leistung als Mutter und früherer Bürokraft des Betriebs wahrgenommen – und umgekehrt: Warum sollte es uns Therapeutinnen besser gehen als den Kindern?! Wir entschieden uns zu einem Splitting: Die Therapeutin übernahm die Wertschätzung von Frau Ernst, der Therapeut die des Mannes. Dabei nahmen wir Fantasien des Paares in Kauf, wir hätten unsere Sympathien tatsächlich aufgeteilt, was wir zeitweise auch zu hören bekamen. Dieses argumentativ zu entkräften konnte nicht gelingen und versuchten wir auch nicht mehr. Wir zeigten unsere Allparteilichkeit, indem wir bei therapeutischen Kommentaren jeweils wertschätzend und anerkennend miteinander umgingen und die jeweils andere Sichtweise nicht abwerteten. Dies sollte auch als Modell für Kooperation innerhalb der Familie dienen. Bereits nach wenigen Sitzungen zeigten sich Veränderungen. Allerdings nicht im Sinne der Erwartungen der Familie, Meinungsver255