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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 253 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
- Aufsuchende Familientherapie als ambulante Hilfe zur Erziehung
ein Zigarillo; nur kurz zeigte er Wut gegenüber seiner Frau. Durch massive verbale Intervention und Strukturierung des Gesprächs vonseiten der Sozialarbeiterin, unterstützt durch uns, konnten die Emotionen kanalisiert und die Ziele und Erwartungen der Einzelnen abgefragt werden. Unsere ersten Wahrnehmungen und Hypothesen im Laufe des Gesprächs:
• Die Mutter konnte ihre Aggression gut zeigen und wertete in nahezu jeder Äußerung die anderen massiv ab. In ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung folgte sie einem Schwarz-Weiß-Schema; entsprechend definierte sie die Beziehungswirklichkeiten und handelte danach. Sie nahm die Rolle der Klägerin ein und stufte sich permanent als Opfer ein; jede Äußerung anderer – auch wenn diese nicht in unmittelbarer Beziehung zu ihr stand – bezog sie auf sich, zumeist als Angriff bzw. Abwertung. • Die Zurückhaltung des Vaters wirkte auf uns verdeckt aggressiv; er ließ seine Frau und ihre Angriffe ins Leere laufen. Nur mühsam gelang es, ihn zu Stellungnahmen bezüglich seiner Erwartungen und Ziele zu bewegen. • Karin konnte ähnlich wie die Mutter ihre Aggression sehr deutlich zeigen und wurde mehrmals laut und ausfällig gegenüber der Mutter und Michael. • Elena schien uns am meisten zu leiden; mehrfach war sie den Tränen nahe. Ihre Rolle als Vermittlerin und Stütze der Mutter ließ ihr keinen Spielraum, laut und aggressiv zu werden. • Michael zeigte sich ähnlich aggressiv wie Karin. Seine abwehrende Haltung gegenüber dem gesamten Geschehen deuteten wir als Stellvertretung. Er nahm für alle anderen eine ablehnende Haltung gegenüber einer erneuten Therapie ein und repräsentierte die von der Sozialarbeiterin bereits in den Vorgesprächen wahrgenommene Ambivalenz der Familie.
Gegen Ende des ersten Gesprächs bildeten wir zusammen mit der Sozialarbeiterin unsere ersten Hypothesen: Die Ablösungsversuche von Tatjana und Matthias schienen die Beziehungen zwischen Mutter und Kindern in eine Krise gestürzt zu haben, die jeweils zum Beziehungsabbruch führten. Die übrigen Geschwister haben in wechselnden Koalitionen jeweils Konflikte mit der Mutter bzw. dem Vater oder mit einem der anderen Geschwister. Dies deuteten wir als Ausdruck der ungeklärten elterlichen Paarbeziehung. Matthias kann nur deshalb auf des Vaters Seite stehen, weil er mit der 253