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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 107 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19

  1. Die Mehrgenerationenperspektive zu Beginn des Hilfeprozesses

dungen, Aufträge und Loyalitätsverpflichtungen (vgl. Stierlin 1980) aufgespürt und sichtbar gemacht werden. Ergänzend dazu ist es sinnvoll, nach dem Konzept der strukturellen Familientherapie (vgl. S. Minuchin 1977) auf die Etablierung klarer Generationen- und Individuumsgrenzen hinzuarbeiten, um die »bezogene Individuation« (Stierlin 1980) der einzelnen Familienmitglieder zu unterstützen. Eine hervorragende Methode hierfür ist die Genogrammarbeit. Sie kann in die Arbeit des ASD bzw. der Beratungszentren sowie anderer ambulanter und stationärer Fachdienste integriert werden. 2.1 Das Konzept der Genogramm- und Soziogrammarbeit Genogramme sind grafische Darstellungen der Familienstrukturen, die drei oder mehr Generationen umfassen. Sie ermöglichen es, Muster, Mythen und Familiengeheimnisse, die über mehrere Generationen hinweg bestehen, zu erkennen und zu bearbeiten. Ein Ziel der Genogrammarbeit ist es, in komprimierter Form zentrale Informationen über eine Familie zu gewinnen und diese übersichtlich zu gliedern. Informationslücken sind dabei ebenso aussagekräftig wie konkrete Daten. Das Genogramm bietet als diagnostisches Mittel die Grundlage für die Gewinnung von Einsichten in und Hypothesen über Familienstruktur, Familiendynamik und Dysfunktionen. Es ist darüber hinaus äußerst hilfreich für die Entwicklung weiterführender Lösungswege (vgl. Hildenbrand 2005). Im Berufsalltag von Sozialarbeiterinnen wird das Genogramm der Kernfamilie häufig im Rahmen von Teambesprechungen eingesetzt, da es in bildlich überschaubarer Form die Grunddaten einer Familie festhält. Doch damit sind die Möglichkeiten der Genogrammarbeit im Kontext der Sozialarbeit längst nicht ausgeschöpft. Das eingehende Genogramminterview mit unseren Adressatinnen bzw. Auftraggeberinnen (zu dieser Begrifflichkeit s. Ritscher 2002a) verlässt das Feld der reinen Diagnostik zugunsten der therapeutischen Intervention. Allerdings sind eine stabile Vertrauensbasis und der Wunsch der Auftraggeberinnen, sich ihre Familiensituation zu vergegenwärtigen, notwendige Voraussetzungen für das Gelingen dieser Arbeit. Sie ermöglicht nach Kron-Klees (1994) eine Art Standortanalyse. Die individuelle »Lebensbilanz« der Auftraggeberinnen der Hilfe wird im Verlauf der Genogrammarbeit erkennbar und macht ihre bevorzugten Lebens- und Überlebensstrategien nachvollziehbar (vgl. ebd.). Die Genogrammarbeit bietet zudem Gelegenheit, die Ge107