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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 100 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19

Friedhelm Kron-Klees

Um in diesem Zusammenhang eine andere Blickrichtung zu ermöglichen, möchte ich auf den unmittelbaren Zusammenhang von Kindeswohl und Elternwohl verweisen. Kindeswohl und Elternwohl sind Kehrseiten einer Medaille, sie definieren sich wechselseitig. Das hat für mich die Einsicht zur Folge, dass Kindeswohl nicht gegen Elternwohl zu erreichen ist. In dieser Überlegung sehe ich eine fruchtbare Voraussetzung, selbst dann mit Eltern zum Wohl der Kinder zu arbeiten, wenn die Kinder unmittelbar in Obhut genommen werden mussten. Ich spreche die Eltern auf ihr Elternwohl an und mache dabei wiederholt die Erfahrung, dass Eltern viel schneller bereit sind, ihr Verhalten ihren Kindern gegenüber verantwortlicher zu gestalten. Es kann auch zum Erleben von Elternwohl gehören, wenn Eltern wissen, dass ihr Kind oder ihre Kinder an einem Ort sind, wo sie das an Heilung und Pflege bekommen, was sie selbst im Augenblick und vielleicht auch auf Dauer ihren Kindern nicht zu geben vermögen. Was bei einem Erstkontakt zu leisten ist, ist (soweit nötig) die Einleitung eines Hilfeprozesses, den ich als einen Prozess des wachen Begleitens sehen möchte, den ich deutlich abgrenzen möchte gegen die Vorstellungen eines Kontrollauftrages der Jugendhilfe (s. auch KronKlees 1997, 2001). Kontrollvorstellungen verengen den Blick. Waches Begleiten verlangt eine hohe Anforderung an Umsicht und Weitsicht im gemeinsam getragenen Prozess einer Hilfe. Dabei geht es von vornherein um die Ebenen erster und zweiter Ordnung (ebd., S. 49 ff.). Auf der Ebene erster Ordnung sind die konkreten Verhaltensweisen und Handlungen zu sehen und im schlimmen, das Wohl aller Beteiligten schädigenden Fall gemeinsam mit den Eltern abzulehnen (»Sie wissen selbst …«). Auf der Ebene zweiter Ordnung achte ich darauf, wie sich die Personen selbst erleben, wie es um ihre Selbstachtung (meistens schlecht) bestellt ist (ebd., S. 55 ff.). Bereits beim Erstkontakt mit einer Familie in Not halte ich es für wesentlich, daran zu denken, dass erst die Entwicklung auf der Ebene zweiter Ordnung (betreffend das Bild der Menschen von und ihre Einstellung zu sich selbst) die Ebene erster Ordnung (das konkrete Handeln) nachhaltig zu verändern mag.

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