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Kooperative Bedarfsermittlung und Weiterentwicklung des Wohnbereichs Einführung von KPG in der Behindertenhilfe

Jakin Gebert, Ursula Hochuli Freund, Jasmin Hugenschmidt, Raphaela Sprenger-Ursprung

Der Beitrag von Gebert, Hochuli Freund, Hugenschmidt und Sprenger-Ursprung (Autorenteam) dokumentiert ein dreijähriges, von Aktion Mensch gefördertes Projekt zur Implementierung von KPG im Wohnbereich der Lebenshilfe Lörrach e. V. (20132015). Das Vorhaben umfasste zwei Teilprojekte: die Entwicklung der Kooperativen Bedarfsermittlung (KB) für junge Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und unklarem Hilfebedarf (Teilprojekt 1) sowie die methodische Neuausrichtung der bestehenden Wohnangebote.

Seiten: 152169 | Zeilen: 18522131

Projektanlage

Eine Projektgruppe aus Mitarbeitenden verschiedener Bereiche entwickelte das neue Angebot KB und erprobte es fortlaufend in der Praxis. Monatliche Schulungen durch die Hochschule für Soziale Arbeit der FHNW stellten die wissenschaftliche Fundierung sicher (FHNW-Begleitung). Das Verfahren KB orientiert sich an der Struktur des KPG-Prozessmodells: Situationserfassung, Analyse und Diagnose münden in eine Empfehlungsplanung; für jeden Prozessschritt wurden spezifische Methoden und Instrumente entwickelt (KPG-Prozessstruktur).

Konzept und Zielgruppe

Die KB ermittelt gemeinsam mit Klient:innen den individuellen Bedarf hinsichtlich einer Veränderung der Wohn- und Lebenssituation. Adressat:innen sind volljährige Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, deren Hilfebedarf unklar erscheint. Die Teilnahme ist freiwillig; eine KB dauert in der Regel vier bis sechs Monate mit regelmässigen Treffen, bei Bedarf unter Einbezug von Angehörigen und weiteren Fachkräften (freiwilliges Angebot).

Instrumente und kooperative Analyse

Zu Beginn dienen lebensweltorientierte Einzelaktivitäten dem Beziehungsaufbau und der Informationsgewinnung. Anschliessend werden gemeinsam verschiedene Instrumente eingesetzt: Die Silhouette visualisiert die Selbstsicht auf Stärken, Schwierigkeiten, Wünsche und Ängste und kann zur Perspektivenanalyse erweitert werden (Silhouette). Ein Zeitstrahl bildet den biografischen Verlauf auf mehreren Ebenen ab und ermöglicht die Identifikation prägender Ereignisse und Muster (Zeitstrahl).

Eine Netzwerkkarte macht über Holzfiguren in einem Koordinatensystem die bestehenden Beziehungen und Ressourcen sichtbar (Netzwerkkarte). Ergänzend stehen ein aus dem H.M.B.-W.-Verfahren abgeleiteter Fragebogen zum Hilfebedarf sowie Hospitationen und Kurzzeitaufenthalte zur Verfügung.

Auswertung und Fallverstehen

Im KB-Team werden die erhobenen Daten strukturiert ausgewertet und feststellende Hypothesen gebildet. Die Verlaufsdokumentation hält Treffen, Zeitaufwand und Beobachtungen der fallführenden Fachkraft fest und fliesst in die Hypothesenbildung ein (Verlaufsdokumentation).

Aus den verdichteten Erkenntnissen wird die Fallthematik gebildet die Quintessenz zur Frage »Worum geht es in diesem Fall?« (Fallthematik). Durch Beizug geeigneter Theorien werden erklärende Hypothesen formuliert und in einer Arbeitshypothese als Wenn-dann-Formulierung zusammengefasst, die beschreibt, welche Bedingungen für eine bestimmte Entwicklung gegeben sein müssen.

Empfehlung und Abschluss

Die Arbeitshypothese bildet die Grundlage für die Empfehlungsplanung, in der konkrete, trägerneutrale Unterstützungsmassnahmen erarbeitet werden (Empfehlungsplanung). Die Empfehlungen umfassen sozialpädagogische Begleitung und eine Wohnempfehlung; alle Ergebnisse werden in einem strukturierten Bericht dokumentiert, mit den Klient:innen besprochen und dem Kostenträger mit der Bitte um ein Hilfeplangespräch übermittelt.

Fallbeispiel

Das Vorgehen wird anhand eines anonymisierten Fallberichts illustriert (Fallbeispiel). Die KB einer 20-jährigen Frau mit Lernbehinderung, schwieriger Familiengeschichte und fehlendem Auszugswunsch ergab eine differenzierte Arbeitshypothese.

Darauf aufbauend wurden Empfehlungen zu psychologischer Beratung, Verselbständigung und Erweiterung des Freizeitbereichs formuliert. Der Bericht wurde dem Kostenträger zur Besprechung der konkreten Umsetzung übermittelt (Hilfeplangespräch).

Neuausrichtung der bestehenden Angebote

In der Ambulanten Wohnbegleitung wurden KPG-Analyseinstrumente Silhouette, Zeitstrahl, Netzwerkkarte in die Fallarbeit eingeführt und auf Leitungsebene zusätzliche Arbeitszeit für monatliche Fallbesprechungen bewilligt (Fallbesprechungen ambulant).

Im stationären Wohnbereich mit Wohnheim und Aussen-Wohngruppen (stationäre Struktur) lag der Schwerpunkt auf strukturierten Fallbesprechungen; anfängliche Widerstände gegen die Trennung von Beschreibung und Bewertung wurden durch Anpassung auf zweiwöchentlichen Turnus aufgefangen (Widerstände und Anpassung). Auch das Aufnahmeverfahren wurde nach KPG überarbeitet: Silhouette und Perspektivenanalyse kommen nun standardmässig zum Einsatz (Aufnahmeverfahren).

Ertrag und offene Fragen

Das Projekt bewirkte eine sichtbare Professionalisierung: strukturierteres Arbeiten, kooperativerer Einbezug der Klient:innen und institutionalisierte Reflexionsgefässe. Die Evaluationsergebnisse jeder Abklärung fliessen in die Weiterentwicklung des Angebots ein (Evaluation als Weiterentwicklung). Offen bleibt, in welcher Qualität die Methoden dauerhaft angewandt werden; die Finanzierung von KB als feste Leistung konnte bislang nicht gesichert werden und eine summative Evaluation steht noch aus.