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# Bedürfnisse aufnehmen Ein neues Freizeitangebot für alte Menschen in der stationären Behindertenhilfe
*Mirjam Eberhart* | **Seiten:** 258271 | **Zeilen:** 36193793
Mirjam Eberhart realisierte diese Gruppenfall-Bearbeitung während eines halbjährigen Praktikums in einer stationären Einrichtung der Behindertenhilfe. Im Zentrum standen eine ausführliche Situationserfassung, Analyse und Diagnose, auf deren Grundlage ein neues Freizeitangebot entwickelt wurde ([S. 258](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-1)).
## Kontext und Auftrag
Die Organisation bietet Wohnplätze für Menschen mit Sehbeeinträchtigung oder Blindheit, wobei sich die Mehrheit im Pensionsalter befindet; der Kernauftrag lautet, optimale Lebensqualität zu ermöglichen und Möglichkeiten zur Teilhabe zu schaffen ([S. 258](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-11)). Die interprofessionellen Teams aus Agogik, Pflege und Therapie arbeiten ressourcenorientiert und bemühen sich, Autonomie und Selbstbestimmung trotz struktureller Einschränkungen zu erhalten. Da die bestehenden Wochenendangebote seit Längerem unverändert waren und stets dieselben Personen ansprachen, entstand die Idee, ein neues, an den tatsächlichen Bedürfnissen orientiertes Angebot zu entwickeln.
Das Projekt setzt am Anfang des KPG-Prozesses an: In der Situationserfassung sollen in direkter Kooperation mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern die relevanten Informationen erhoben, in der Analyse zu einer Fallthematik verdichtet und so der Grundstein für die Intervention gelegt werden ([S. 259](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-2)).
## Situationserfassung
Der Realitätsausschnitt umfasste die Wohngruppe mit Gemeinschaftsraum als räumliche und die begrenzte Praktikumsdauer als zeitliche Dimension, was einen zügigen Erhebungsstart erforderte ([S. 260](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-3)). Berücksichtigt wurden Vergangenheit und Gegenwart: Die Kindheit und Jugend der Bewohnerinnen und Bewohner waren oft durch den Zweiten Weltkrieg und wenig Freizeit geprägt; der Einbezug früherer Lebensphasen half, Interessen zu erschliessen, die bei direkten Entscheidungsfragen verborgen geblieben wären.
Methodisch wurden Erkundungsgespräche in Anlehnung an das narrative Interview gewählt, die in direkter Kooperation mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern stattfanden ([S. 261](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-12)). Die Einstiegsfrage richtete sich auf die Freizeit in Kindheit und Jugend, eine zweite Frage lenkte den Blick auf die Gegenwart und vermisste Aktivitäten; während der Erzählungen wurden ad hoc Vertiefungsfragen gestellt.
Für alle 13 Personen wurde ein grober Zeitplan erstellt; pro Gespräch waren 15 bis 30 Minuten eingeplant, die Durchführung erfolgte flexibel neben dem regulären Dienst ([S. 261](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-4)). Die Autorin ging von Zimmer zu Zimmer, erklärte Sinn und Hintergrund der Umfrage und machte sich mit Einverständnis der Bewohnerinnen und Bewohner während der Gespräche Notizen.
Eine zentrale Herausforderung bestand darin, dass einige Bewohnerinnen aufgrund demenzieller Veränderungen kaum Erinnerungen hatten und die Gespräche spontan umstrukturiert werden mussten ([S. 262](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-5)). Hinzu kam die häufig geäusserte Überzeugung, bestimmte Tätigkeiten wegen der Sehbeeinträchtigung nicht mehr ausüben zu können — selbst der Hinweis auf Hilfsmittel wie Lupen oder starke Farbkontraste konnte diese Bedenken oft nicht zerstreuen.
## Analyse
Die gesammelten Stichworte wurden in einem pragmatischen, zweistufigen Verfahren ausgewertet: Zunächst wurden die Nennungen farblich nach Kategorien sortiert, dann in einer Tabelle mit Zimmernummern quantitativ zusammengefasst ([S. 264](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-6)). Die Interessensbereiche deckten sich mehrheitlich — Handarbeit/Haushalt wurde 19-mal, Musik 15-mal und Literatur 9-mal erwähnt ([S. 264](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-13)).
Die schrittweise Bewegung von Öffnung (Kategorisierung) und Reduktion (Tabelle) ermöglichte es, mittels konstatierender Hypothesen tieferliegende Muster zu erkennen ([S. 265](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-7)). Als Fallthematik kristallisierte sich heraus, dass die meisten Bewohnerinnen und Bewohner Interessen im Bereich Musik hatten, sich aber gewisse Tätigkeiten aufgrund ihrer Beeinträchtigungen nicht mehr zutrauten und eine ablehnende Haltung einnahmen — auch wenn mit angepassten Methoden Alternativen möglich gewesen wären.
## Diagnose
Für das Theoriegeleitete Fallverstehen wurden zwei sozialpsychologische Theorien herangezogen. Die Theorie der kognizierten Kontrolle zeigt, dass Menschen durch primäre oder sekundäre Kontrolle angenehme Situationen herbeizuführen und unangenehme zu vermeiden versuchen; bei sekundärer Kontrolle passen sie sich durch kognitive Umstrukturierung an die Gegebenheiten an ([S. 266](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-14)). Ergänzend erklärt die kognitiv-transaktionale Bewältigungstheorie nach Lazarus, dass Menschen auf subjektiv bedrohliche Ereignisse mit spezifischen Bewältigungsreaktionen reagieren, deren Ausprägung von Selbstwirksamkeits- und Kontrollüberzeugungen abhängt ([S. 266](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-8)).
Auf den Fall angewendet erhellen beide Theorien, weshalb manche Bewohnerinnen und Bewohner neue Tätigkeiten und Hilfsmittel ablehnen: Durch Vermeidung bewahren sie positive Emotionen und schützen sich vor möglichem Scheitern, das Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit weiter untergraben würde ([S. 267](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-9)). Sagt eine Person, sie könne etwas nicht mehr, hält ihr dies möglicherweise sekundäre Kontrolle über die Situation; die Furcht vor Kontrollverlust lässt Angebote wie Hilfsmittel unattraktiv wirken.
Die Auswahl geeigneter Theorien war die grösste Herausforderung im Diagnoseprozess — zunächst weniger passende Generationen- und Sozialisationstheorien wurden verworfen, bevor die Kontroll- und Bewältigungstheorie den Fall überzeugend zu erhellen vermochten ([S. 269](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-10)).
Die handlungsleitende Arbeitshypothese lautet: Nur wenn die Bewohnerinnen und Bewohner längerfristig positive Erfahrungen mit neuen Tätigkeiten machen und sich dabei als selbstwirksam erleben, können neue kognitive Verknüpfungen entstehen und Tätigkeiten mit Wohlbefinden assoziiert werden ([S. 268](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-15)).
## Intervention und Erkenntnisse
Gestützt auf die Erkenntnis, dass Musik das am häufigsten genannte Interesse war ([S. 264](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-13)), entstand die «Musikhörstunde» — ein monatliches Gruppenangebot, bei dem Musik verschiedener Epochen gehört, Hintergründe zu den Künstlerinnen und Künstlern vermittelt und die Stücke gemeinsam besprochen wurden. Das Konzept zielte darauf, eine als angenehm eingeschätzte Situation zu schaffen, die kein Bewältigungsverhalten erfordert und gleichzeitig neue Tätigkeiten erproben lässt.
Erfreulicherweise nahmen bei jeder Durchführung mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner teil — darunter auch Personen, die sich sonst kaum an Gruppenaktivitäten beteiligten; selbst Musik der 1960er Jahre fand Anklang bei Bewohnerinnen, die sich eigentlich nur für Klassik interessierten ([S. 258](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-1)). Alle Unterlagen wurden so dokumentiert und dem Team zugänglich gemacht, dass das Angebot nach Praktikumsende weitergeführt werden konnte.
Der Fall zeigt exemplarisch, wie eine sorgfältige KPG-gestützte Bedarfserhebung und theoriegeleitete Diagnose über die unmittelbare Intervention hinaus wirken: Die Arbeitshypothese und die Fragestellung für Professionelle — wie neue Tätigkeiten so begleitet werden können, dass positive Erfahrungen und Selbstwirksamkeit entstehen — bilden eine Grundlage, um alternde Menschen mit Beeinträchtigungen langfristig angemessener zu unterstützen ([S. 268](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-15)).