3.1 KiB
6.1 Frühe Hilfen
in der Stadt Dormagen (Hilgers et al. 2009) und das »Netzwerk Frühe Hilfen« im Ortenaukreis (Böttinger 2010). Insgesamt ist die Ausgestaltung der Frühen Hilfen bundesweit sehr unterschiedlich gestaltet. In der Umsetzung der Frühe Hilfen ist ein stetiges Abwägen zwischen Hilfe und »Wächteramt« über das Kindeswohl erforderlich, wobei die Gewichtung dieser Pole in der Praxis unterschiedlich ausfällt (Thyen & Simon, 2020, S. 196; Schäfer & Sann, 2014). Im System der frühen Hilfen können weitere gezielte Angebote verortet werden. Diese Angebote haben unterschiedliche Titel, werden von unterschiedlichen Berufsgruppen in unterschiedlichen Settings durchgeführt. Hierbei lassen sich folgende Formen unterscheiden: a) Elternkurse durch Familienbildungsstätten, (Familien‐)Hebammen etc., die zum einen zur Vorbereitung von Paaren (oder einzelnen Müttern/Vätern) auf die Elternschaft dienen und auch noch begleitend in den ersten Lebensmonaten den Eltern zur Verfügung stehen (vgl. Gregor & Cierpka 2004, oder Gesellschaft für Geburtsvorbereitung, Familienbildung und Frauengesundheit, o. J.). b) Entwicklungspsychologische Beratung für junge Eltern – hier hat insbesondere die Arbeitsgruppe um Ziegenhain auf der Basis der Erkenntnisse der Bindungsforschung ein dezidiertes Programm entwickelt (vgl. Ziegenhain et al. 2004). c) Eltern-Säuglings-Psychotherapie: hier hat sich ein spezieller Bereich der Psychotherapie entwickelt, um frühe interaktionelle Störungen in der Eltern-Kind-Beziehung zu behandeln (vgl. den Überblick bei Brisch 2006). d) Sprechstunden für Schreibabys: Das Konzept der »Sprechstunden für Schreibabys« wurde seit Beginn der 1990er-Jahre systematisch in München von Papousek und Papousek (1990) entwickelt. Weil dieses Konzept die längste Tradition in diesem Bereich hat und mittlerweile gut evaluiert ist, wird es an dieser Stelle breiter dargestellt. Bei dem in München entwickelten Konzept der Sprechstunden für Schreibabys handelt es sich um eine Spezialambulanz für Kinder mit exzessiven Schrei-, Fütterund/oder Einschlafstörungen, also um Regulationsstörungen der frühen Kindheit. Diese Ambulanzen haben sich mittlerweile in vielen Orten in Deutschland etabliert, sie sind oft an Kinderkliniken, Erziehungs-Beratungsstellen oder Frühförderinstitutionen angesiedelt. »Es wird dabei versucht, den besonderen Bedingungen des Säuglingsalters gerecht zu werden: der Entwicklungsdynamik der frühen Reifungs-, Anpassungs- und Lernprozesse; der außerordentlichen Variabilität; der engen Verknüpfung von Erleben und Verhalten des Säuglings mit somatischen (sensomotorischen, vegetativen, organischen) Funktionen; den primären Beziehungskontexten (…); der Dynamik und Komplexität der wechselseitigen Beeinflussung von Kind und Eltern (…)« (Wolwert, Chuquisengo & Papousek 2004, S. 282). Das Angebot war zunächst auf Probleme der ersten drei Lebensmonate begrenzt, mittlerweile werden Kinder bis zum dritten Lebensjahr von einem interdisziplinären Team (Kinderärzte, psychologische Psychotherapeuten, Sozialpädagogen…) unterstützt. Dabei wird insbe239