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5 Spezifische Formen von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen
• geäußerte Bedürfnisse und Wünsche werden missachtet oder durch rationale Argumentation widerlegt, was zu Verunsicherung der eigenen Wahrnehmung und Selbstzweifeln führt, • Autonomiebestrebungen werden verhindert (vorgeblich, um vor Misserfolgen zu schützen) bzw. bewirkt, dass die Durchsetzung mit Schuldgefühlen behaftet wäre, • es fehlt an bedingungsloser Wertschätzung, • es kommt zu Grenzüberschreitungen und Koalitionsbildung zwischen den Generationen und innerhalb der Subsysteme, • Zweierbeziehungen werden nicht geduldet. Die Anorexie ist dann für die Jugendlichen eine Form der Auseinandersetzung und eines Versuches der Abgrenzung – also ein Versuch, auf diese Weise die Entwicklungsaufgabe der »Ablösung vom Elternhaus« zu bewältigen. Offen bleibt, warum die Abgrenzung in diesen Familien gerade über das Essen erfolgt. Adipositas Sicherlich spielen eine Reihe der genannten Faktoren – wie ein »Scheitern« am Schlankheitsideal – auch für die Entwicklung einer Adipositas eine Rolle. Allerdings scheinen direkte Lernfaktoren noch eine größere Bedeutung zu haben: Die Entstehung der Adipositas hängt fast immer mit einer unausgeglichenen Energiebilanz zusammen: Es wird zu viel hochkalorische Nahrung zu sich genommen und es erfolgen zu wenige körperliche Aktivitäten, um diese Energien abzubauen. Dieses Verhalten scheint in frühester Kindheit gelernt und ist seitdem stabil. So sind Kinder übergewichtiger Eltern besonders gefährdet (Schienkewitz et al. 2018). So nimmt mit zunehmendem Gewicht der Eltern die körperliche Aktivität der Kinder ab (Kleskes et al. 1990); der Fernsehkonsum übergewichtiger Kinder ist höher: »Fernsehkonsum oder Computerspielen von zwei und mehr Stunden täglich erhöht das Risiko für Übergewicht um den Faktor 1,7« (von Kries 2004, S. 580). Weiterhin unterschätzen adipöse Patienten die eigene Nahrungsaufnahme und »Adipöse tendieren dazu, Lebensmittel mit einem höheren Fettgehalt zu bevorzugen« (Franke 2001, S. 380). Derartige Verhaltensweisen werden in sozialen Zusammenhängen zunächst erlernt (Lernen am Modell!) bzw. duldend hingenommen. Psychologische Faktoren Bei einer sehr hohen Zahl der Patientinnen mit Ess-Störungen ist ein besonders geringer Selbstwert festzustellen, zum Teil eine erhöhte allgemeine psychische Labilität (s. o., Zeeck et al. 2020). Alle drei Ess-Störungen stehen im Zusammenhang mit dem Thema Kontrolle bzw. Kontrollverlust. Über das Essen wird versucht, Kontrolle über den eigenen Körper aber auch über soziale Situationen herzustellen – die damit gemachten Er120