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# Implementation eines Tools für sozialpädagogische Prozessgestaltung und Dokumentation in der stationären Behindertenhilfe
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*Ursula Hochuli Freund et al.* | **Seiten:** 170–179 | **Zeilen:** 2134–2258
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Dieser Beitrag dokumentiert die Entwicklung und Implementation von KPG-basierten Instrumenten zur sozialpädagogischen Prozessgestaltung (SPG) in der Stiftung Schürmatt, einer grossen Einrichtung der stationären Behindertenhilfe. Das Projekt wurde gemeinsam von Praktiker:innen und Wissenschaftlerinnen der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW durchgeführt ([Projektteam](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-1)) und umfasste zwei aufeinander aufbauende Teilprojekte: die kooperative Instrumente-Entwicklung und deren anschliessende organisationsweite Implementation im Top-down-Verfahren.
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## Ausgangslage und Instrumente-Beurteilung
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Die Stiftung Schürmatt verfügte über zahlreiche Instrumente zur Prozessgestaltung, deren Handhabung jedoch als sehr anspruchsvoll beurteilt wurde.
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Eine kritische Analyse ergab, dass diese komplexen, ressourcenintensiven Instrumente kaum miteinander verbunden waren und der hohe Ressourceneinsatz ohne ersichtlichen Nutzen erfolgte ([Beurteilung bestehender Instrumente](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-11)).
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So wurden beispielsweise in einem sogenannten Basisbericht sehr viele Daten erhoben, die aber kaum für die Prozessgestaltung genutzt wurden; diagnostische Überlegungen im Sinne einer Verstehensbewegung fehlten, und die Kooperation mit Klient:innen war nur ansatzweise verankert.
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Im Juli 2013 beurteilten eine Praktikerin und zwei Wissenschaftlerinnen die vorliegenden Instrumente erfahrungsbasiert und vor dem Hintergrund des Konzepts KPG, um Ansatzpunkte für die Überarbeitung zu bestimmen ([Workshop zur Instrumente-Beurteilung](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-3)).
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Die Empfehlung lautete: fachliche Fundierung klären, Instrumente vereinfachen und in eine einheitliche Systematik integrieren.
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## Kooperative Instrumente-Entwicklung (KoopIn)
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Im Februar 2014 startete das Projekt KoopIn, in dem die bestehenden Instrumente kooperativ weiterentwickelt wurden ([Vorarbeiten und Projektstart](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-2)). Das übergreifende Forschungsprojekt war auf zweieinhalb Jahre angelegt und involvierte sieben Praxisorganisationen ([Projektrahmen](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-4)).
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In fünf vierstündigen Workshops erarbeiteten zwei Praktiker und zwei Wissenschaftlerinnen entlang der KPG-Prozessschritte konkrete Verbesserungen.
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Bei Situationserfassung und Analyse wurde zwischen Beschreibung und Bewertung unterschieden und die Perspektivenanalyse als ergänzende Methode eingeführt, um die Kooperation mit Klient:innen zu stärken.
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Bei der Diagnose wurde ein strukturierter Fallverstehensprozess mit Weil-Hypothesen verankert, der in eine handlungsleitende Arbeitshypothese mündet; bei der Zielformulierung wurde die Herleitung aus der Fallthematik sichergestellt, mit Begrenzung auf ein bis drei Grobziele und kreativen Interventionsüberlegungen vor der Feinzielformulierung.
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Am Ende gelang es, die unterschiedlichen Systematiken zu einer logischen, in sich geschlossenen und fachlich fundierten Entwicklungsplanung zu vereinheitlichen ([Ergebnis KoopIn](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-12)).
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## Implementation der neuen Instrumente
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Die Implementation begann mit einer systematischen Informationsphase: Während der gesamten Entwicklung wurden die Mitarbeitenden regelmässig über die bevorstehende Einführung informiert, und ein beteiligter Abteilungsleiter bot bereits erste inhaltsbezogene Schulungen an ([Informationsphase](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-5)).
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Eine von den Wissenschaftlerinnen gestaltete Auftaktveranstaltung mit allen 22 Abteilungsleitenden im Frühjahr 2015 markierte den offiziellen Projektstart.
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Von August 2015 bis Juni 2016 fanden fünf dreistündige Schulungen in zwei Varianten statt – 16 Abteilungsleitende wurden als Multiplikator:innen geschult, während sechs Teams direkt von den Wissenschaftlerinnen trainiert wurden ([Schulungsstruktur](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-13)).
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Der inhaltliche Schwerpunkt lag auf den Prozessschritten Analyse und Diagnose; zwischen den Schulungen setzten die Mitarbeitenden das Gelernte in eigenen Fallbearbeitungen um.
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## Qualitätssicherung und Herausforderungen
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Im November 2016 fand eine zweite Schulungsrunde zur Qualitätssicherung statt, bei der die Teams zwischen angeleiteter Fallbesprechung und schriftlichen Rückmeldungen wählen konnten ([Qualitätssicherung](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-6)).
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Dabei zeigte sich, dass der Wissensstand zur SPG sehr heterogen war und bei einzelnen Prozessschritten – speziell der Analyse – Unklarheiten bestanden ([heterogener Wissensstand](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-14)).
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Alle Projektbeteiligten reflektierten die Herausforderungen in individuellen schriftlichen Beiträgen ([Reflexionsformat](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-7)).
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Als besonders anspruchsvoll erwies sich die Differenz zwischen der Logik des Dokumentationstools und professionellem Handeln nach KPG.
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Die hohe Anzahl an Mitarbeitenden mit verschiedenen Ausbildungsniveaus, die Schulungsorganisation bei unregelmässigen Arbeitszeiten und die Rolle der Multiplikator:innen, die das erworbene Wissen an ihre Teams weitergeben mussten, wurden als kritische Punkte benannt – dennoch fiel die Akzeptanz der neuen SPG hoch aus ([Akzeptanz trotz Herausforderungen](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-8)).
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## Gelingensfaktoren
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Einstimmig betonten alle Beteiligten die hohe Motivation und Offenheit der Mitarbeitenden als zentralen Gelingensfaktor – die Bereitschaft, Unklarheiten offen anzusprechen und sich auf den Prozess einzulassen, wurde als grosse Bereicherung erlebt ([Motivation der Mitarbeitenden](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-9)).
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Das Engagement erstreckte sich über alle Ebenen – von den Projektverantwortlichen über die Abteilungsleitenden bis zu den Teams ([Engagement auf allen Ebenen](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-10)).
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Die Stiftung Schürmatt stellte genügend zeitliche und finanzielle Ressourcen bereit und signalisierte damit ein hohes organisationales Commitment.
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Besonders bemerkenswert war, dass die fundierte Auseinandersetzung mit Biografien neue Erkenntnisse ermöglichte und die Mitarbeitenden aktuelles Handeln und Denkprozesse der Klient:innen besser verstehen konnten.
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## Nachhaltigkeit und Ausblick
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Um die methodisch strukturierte Arbeitsweise nachhaltig zu verankern, stellte die Organisation weitere Unterstützung bereit: regelmässige Auffrischungsschulungen, Einarbeitungskonzepte für neue Mitarbeitende, ein Handbuch mit fachlichen Standards sowie Coachings durch interne SPG-Expertinnen ([Nachhaltigkeitsmassnahmen](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-15)).
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Zudem wurden sogenannte SPG-Mentor:innen den Bereichen zugeteilt, um die Teams bei der Umsetzung zu unterstützen. Der Implementationsprozess wurde Ende November 2016 formal abgeschlossen.
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Die Erfahrungen zeigten, dass Implementation ein langwieriger Prozess ist, der Geduld, kontinuierliche Begleitung und zeitnahe Unterstützung erfordert – aber bei entsprechendem organisationalem Commitment und kooperativer Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis nachhaltig gelingen kann.
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