2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/395.md

2.7 KiB
Raw History

Die Verflechtungen von Trauma und Schuld

lastungsversuche wie z. B.»Du musst jetzt nach vorne blicken und alles andere hinter dir lassen!«

  1. Die Schuld von Tätern wird zum Schuldgefühl der Opfer: interpersonelle und sexualisierte Gewalt Wer tötet oder foltert, kennt nur den Schatten seines Sieges: Er kann sich nicht unschuldig fühlen. Er muss also Schuldgefühle beim Opfer wecken. Albert Camus

Während bei Opfern die Antwort auf ihre Viktimisierung die Entwicklung von Schuldgefühlen ist, wenden Täterinnen Abwehrstrategien wie Projektion, Rationalisierung und Verleugnung an. Dies führt oft zur Beschuldigung von Opfern und zur Annahme, dass die Gewaltanwendung der Fantasie des Opfers entspringt (Herman 2014). Schlägt dieser Versuch fehl, bleibt noch die Rechtfertigung als Abwehrstrategie, wie beispielsweise die Provokation der Gewaltanwendung durch das Opfer. Die Schuld von Täterinnen wird damit zum Schuldgefühl der Opfer. Für Drozdek und Kollegen (2006) ist es besonders der Verlust von Würde und Kraft in der Erfahrung von extremer Erniedrigung, welcher zu posttraumatischer Schuld führt. Folgen sind neben Schuldgefühlen auch der Verlust von Selbstwert, der Selbstachtung, ein Gefühl der Unzulänglichkeit sowie Entfremdungsgefühle. Der psychodynamische Vorgang zur Erklärung dieser Phänomene wird als Introjektion der Schuld und als Identifikation mit demder Aggressorin bezeichnet, d. h. die Gewalt wird vom Opfer durch gewaltsame Überschreitung seiner Ich-Grenze in sich selbst aufgenommen in Form einer gewaltsamen Implantation (Hirsch 2012). Fischer und Riedesser (2009) erklären die Introjektion des Schuldgefühls durch das Opfer hingegen über das Konzept des erschütterten Selbst- und Weltverständnisses. Das Opfer übernimmt dabei einen Reparationsversuch als einen ohnmächtigen Versuch der intrapersonellen (sozusagen in sich selbst) Reparation, was nur interpersonell (also zwischen zwei Personen) zu lösen wäre. Ob psychotraumatologisch (wie bei Fischer und Riedesser) oder psychodynamisch (wie bei Hirsch bzw. Ferenci) theoretisch erklärt, gilt, dass Opfer von interpersonellen Gewalterfahrungen traumabezogene Schuld- und Schamgefühle entwickeln, unabhängig davon, ob derdie Täterin aus dem engeren oder entfernten Bekanntenkreis stammt. Zudem wurde gezeigt, dass die Ausprägung dieser Gefühle, nicht nur mit der Art des Traumas, sondern auch mit der Akkumulation von Traumata in Verbindung stehen. Das heißt, je mehr Gewalt die Personen erleben mussten, umso mehr Schuld- und Schamgefühle empfinden sie (Aakvaag et al. 2016; Stotz et al. 2015). In der traumapädagogischen Praxis trifft man häufig auf junge Menschen, die Opfer interpersoneller Gewalt geworden sind und sich die Schuld hierfür selbst

395