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6.6.3.6Primärperspektive Zeit
Für viele Familien bietet ein Hilfeprozess auch die Möglichkeit, sich selbst
zeitlich besser zu organisieren. Der durch eine sozialpädagogische
Familienhilfe in den Familienalltag eingeführte Rhythmus z. B. Kontakte
an jedem Montag, Mittwoch und Freitag bringt eine bislang vielleicht
vermisste Kontinuität und Verlässlichkeit in das Familienspiel. Die bei einer
aufsuchenden Familientherapie im ein- oder zweiwöchigen Abstand
stattfindende Familiensitzung wird als immer wiederkehrender Zeitpunkt
der familiären Selbstreflexion institutionalisiert. Im Alltag auftretende
Probleme haben nun einen Ort und eine Zeit für ihre Thematisierung. Der
Vierwochenabstand zwischen zwei ambulanten Familientherapiesitzungen
definiert die Zwischenzeit als Phase der Integration neuer Informationen
sowie des Ausprobierens neuer Regeln und Verhaltensweisen im
Familienalltag. Sie führt einen neuen Sinn in den Alltag ein: Jenseits der
notwendigen Routine gibt es auch einen Platz für Neues und Unerwartetes.
Das verlängerte Erstgespräch erweitert den Zeitrahmen für die
Sozialarbeiterin und reduziert den Druck, in möglichst kurzer Zeit über alle
notwendigen Informationen zu verfügen und „erfolgreich“ zu handeln. Der
Kunstgriff hierfür ist einfach: Es werden Folgesitzungen nach dem ersten
Kontakt vereinbart, die weiterhin den wichtigsten Funktionen des
Erstgespräches dienen: Problembeschreibung, Auftragsklärung, Gewinnung
biografischer Informationen und Bildung erster Hypothesen über die
systemischen Muster. Manchmal werden dadurch Veränderungen initiiert,
die eine Beendigung der Therapie vor ihrem offiziellen Beginn ermöglichen.
Im Rahmen der Systemtherapie ist das Modell der Kurzzeittherapie von
erheblicher Bedeutung. Ein sich über mehrere Jahre hinweg erstreckender
psychoanalytischer Prozess enthält das Ziel der Persönlichkeitsentwicklung
und „Nachreifung“ des Ich (Ammon 1973). Kurzzeittherapie hat eine
andere Zielsetzung. Hier geht es um die Stärkung der Kompetenzen zur
Bewältigung des täglichen Beziehungslebens und der soziokulturellen
Integrationsanforderungen. Das Konzept der Kurzzeittherapie geht von
einer durchschnittlichen Zahl von 20 Sitzungen aus, die zeitlich
unterschiedlich organisiert sein können:
Variante 1: wenige Sitzungen in einem längeren Zeitraum;
Variante 2: mehrere Sitzungen über eine kurze Zeitspanne hinweg;