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Raw Blame History

Die Verflechtungen von Trauma und Schuld

schreibung der Verantwortung und das Schulderleben basieren auf Prozessen der Attribution. Bereits Jugendliche schreiben anderen Unfallbeteiligten, Ursachen für einen Unfall zu und unternehmen eine Opferentwertung (Ederer 2016). Opferentwertungen basieren häufig auf Zuschreibungen über Merkmale wie Alter, Nationalität oder körperlicher bzw. geistiger Zustand (»Er war tatterig«, »Er war nur so ein polnischer Landarbeiter«) zu. Häufig nehmen ältere Menschen, Ausländerinnen oder Alkoholikerinnen dabei die Position von Sündenböcken ein (Andreatta 2015). Jugendliche attribuieren stärker auf Verhalten oder vermeintliches Fehlverhalten anderer Beteiligter, d. h. es steht deren (Nicht-)Handeln im Vordergrund (Ederer/Andreatta 2016), z. B. »Der hat aber zuerst was gemacht«. Zur emotionalen Schuldentlastung greifen Jugendliche auch auf psychodynamische Abwehrprozesse zurück. Das Geschehen wird rationalisiert, verdrängt, projiziert, wobei aggressive Äußerungen und narzisstische Tendenzen hervortreten können (Andreatta 2015; Ederer 2016). Die Verursachenden fühlen sich angegriffen und wehren Beschuldigungen mit verbalen und körperlichen Attacken ab (Ederer 2016), wobei hier auch erlebte Scham und Schamabwehr mitzudenken sind. Für junge Menschen bedeutet die (Mit-)Verursachung des Todes oder schwerer Verletzung anderer häufig eine eigene Traumatisierung, die Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses sowie den Bruch in der eigenen Identität. Schuldsein bedeutet zusätzlich, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, sozialer Akzeptanz und einer hergestellten sozialen »Harmonie« (Shnabel/Nadel 2008) nicht mehr erfüllt ist und vermutlich auch nur schwer wieder zu erfüllen sein wird. Ein einfühlsamer und konstruktiver Umgang mit dem Schulderleben der Betroffenen ist daher ein zentraler Aspekt bei der pädagogischen Arbeit mit jungen Traumaüberlebenden, denn das Regulieren von Emotionen im Engeren auch Schuld und Scham erfolgt in jüngeren Jahren vorerst in interpsychischer Kommunikation, und erst später im Sinne intrapsychischer Selbstregulation (Schick 2021, S. 214). Das Mitwirken an einem Unfallereignis zeigt sich bei Jugendlichen sehr bedrückend und verursacht bei ihnen eine Bandbreite von verschiedenen Formen von Schuldgefühlen, die sich unter anderem in Selbstentwertungstendenzen erkennen lässt, und die eigene Lebensqualität einschränken. Die eigene Person sowie die eigenen Bedürfnisse werden dabei geringgeschätzt und die Verursachenden empfinden sich selbst als unwürdig, Unterstützung zu erhalten, Empathie zu erfahren oder Freude zu erleben. Diese zusammengefasste Essenz findet sich nach einer (Mit-)Verursachung in sehr vielen Biografien und zeigt sich oftmals auch in Form von Depression, Suizidalität sowie Überlebendenschuld. Verstorbene waren mitunter Freunde, Geschwister, Elternteile oder derdie Partnerin. Schuldgefühle bewirken dann eine ganze Kaskade an Selbstentwertung (Herman 2014; Janoff-Bulman 2002), emotionalem Druck, sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung. Die Angst von Jugendlichen vor sozialer Abwertung ist stark ausge-

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