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Zwangsmigration und Traumatisierung
Das Publikationsaufkommen im Themenfeld von Zwangsmigration, Trauma und Pädagogik ist in den letzten Jahren enorm angestiegen und kann hier nicht vollumfänglich abgebildet werden. Eher konzeptionellen und empirischen Beiträgen (exemplarisch Becker 2024; Pfennig 2024; Zimmermann/Becker/Friedrich 2023) stehen zahlreiche praxisnahe Veröffentlichungen zur Seite (exemplarisch Hargasser 2014; Kühn/Bialek 2017; Zimmermann/Lindner 2023).
Sequenzielle Traumatisierung Die Erfahrungswelt vieler zwangsmigrierter Kinder und Jugendlicher lässt sich theoretisch am besten mit der Konzeption der Sequenziellen Traumatisierung erfassen (vgl. Keilson 2005). Diese Konzeption ist durch zwei miteinander verbundene Grundannahmen gekennzeichnet: • Traumatisches Erleben hat seinen Ursprung immer in unterschiedlichen sozialen Erfahrungen zu verschiedenen Zeiten. Demnach hat Trauma immer mehrere soziale und politische Kontexte. • Jene schweren Belastungen, die (meist) auch singulär traumatischen Gehalt aufweisen, interagieren innerpsychisch, teils auch sozial miteinander. Individuelle traumabezogene Prozesse lassen sich nur vor dem Hintergrund jener Interaktion von Extremerleben nachvollziehen (Zimmermann 2012, S. 41–47). Es gilt also, gemeinsame Erfahrungswelten einer Gruppe in chronologisch geordneten Sequenzen zu analysieren und ihre potenziell traumaverstärkende Interaktion dabei stets im Blick zu behalten. Die hier vorzustellenden Sequenzen orientieren sich formal an Beckers (2014, S. 180ff.) Rahmenmodell, sind inhaltlich jedoch auf die spezifische Situation von Kindern und Jugendlichen angepasst worden. Die Sequenzen werden mithilfe biografischer Aspekte Ibrahims, eines zwölfjährigen Jungen syrisch-kurdischer Herkunft, veranschaulicht. Der Schüler einer Schule mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung lebt in Berlin (ausführliche Falldarstellung in Zimmermann 2012, S. 140–158). Sequenz eins: vor der Zwangsmigration. Das Erleben von Krieg und organisierter Gewalt erzeugt Gefühle extremer Hilflosigkeit und Ohnmacht. Für zahlreiche Betroffene ist diese Lebensphase auch mit der Bewusstwerdung der Trennung von den primären Bezugspersonen und der Trauer um den verlorenen Halt der Familie verbunden. Bei vielen betroffenen Jugendlichen entwickelt sich ein die gesamte Zwangsmigration prägendes Gefühl der tiefen Ambivalenz gegenüber der Familie. Einer engen Verbundenheit stehen dabei (oft verleugnete) Gefühle des Hasses und des Ausgestoßenseins aus der Ursprungsgemeinschaft gegenüber (vgl. Akthar 2007, S. 109).