2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-traumapaedagogik/pages/070.md

2.6 KiB
Raw Blame History

70

Behindertenpädagogik

zunehmend zuschreibende Stigmatisierung des Kindes stattfindet, denn »pädagogisch fruchtbar ist nicht die pädagogische Absicht, sondern die pädagogische Begegnung« (Buber 1939/2005b, S. 71). Bedeutung für die Traumapädagogik Existenzielle Gewalterfahrungen, die ein Kind in seinem näheren oder weiteren sozialen Umfeld machen und überleben musste, enthalten ein enormes Risikopotenzial für die Entstehung einer Traumatisierung, da »der Kern jeder Traumatisierung in extremer Einsamkeit besteht. Im äußersten Verlassensein« (Hart 2007, S. 61). Besonders Menschen mit Behinderungen stellen dabei eine Risikogruppe dar (Kühn 2023), da ihr Gefährdungspotenzial für die Entstehung von belastenden Traumafolgen drei- bis viermal höher liegt (Erdélyi/Mischo 2011, S. 144; Kühn/Bialek 2014/2017b, S. 229). Traumabedingt kommt es so bei Betroffenen zu einer »Destruktion des funktionalen Dialogs mit sich selbst, der Umwelt und nicht zuletzt mit dem Leben an sich« (Kühn 2011a, S. 12).

Und weil der Mensch ein Mensch ist … Martin Buber fokussierte mit seinem dialogischen Prinzip die Face-to-Face-Begegnung zwischen Kind und Pädagog*in und leistete damit im Gegensatz zum vorherrschenden Denken in den damaligen Fachdisziplinen schon früh einen wichtigen Beitrag zur konsequenten Subjektorientierung in der Pädagogik. In den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelten sich im Umfeld sozialer Emanzipationsbewegungen daraufhin Ansätze, die den Begriff des Dialogs auf gesellschaftliche und politische Felder erweiterten. »Liebe ist zugleich die Begründung des Dialogs und der Dialog selbst. Er ist darum zwangsläufig die Aufgabe verantwortlicher Subjekte und kann in einem Verhältnis der Herrschaft nicht existieren. […] Als Akt der Tapferkeit kann Liebe nicht sentimental sein, als Akt der Freiheit darf sie nicht als Vorwand der Manipulation dienen. Sie muß neue Freiheit hervorbringen, sonst ist sie nicht Liebe« (Freire 1968/1998, S. 73).

Dies realisiert sich in der pädagogischen Arbeit über die Akzeptanz des grundsätzlichen Andersseins meines Gegenübers (Buber 1923/2016, S. 62) sowie das Verstehen seines Verhaltens und seiner Präsenz in diesem Anderssein als soziales Wesen (Jantzen 2005/2018). Wo eine Abweichung vom sogenannten Normalen viel zu schnell und leichtfertig als gefährlich verstanden wird (Braches-Chyrek 2010), muss es Auftrag der pädagogischen Fachkraft sein, für die Gewährleistung und Absicherung des Dialogs zu sorgen, d. h., sich nicht nur auf die Begegnung mit der individuellen kindlichen Persönlichkeit zu konzentrieren, sondern sich im