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Variationen zum Prozessgestaltungsmodell – Spiel-Möglichkeiten und Klärungen
Ursula Hochuli Freund, Raphaela Sprenger-Ursprung | Seiten: 180–191 | Zeilen: 2261–2454
Dieser Beitrag stellt didaktische Variationen zum KPG-Prozessgestaltungsmodell vor und nimmt drei Klärungen zu häufigen Missverständnissen vor. Das Prozessmodell dient als Orientierungsrahmen für (methodisch strukturiertes und konsequent kooperativ ausgerichtetes Handeln); es unterscheidet (sieben Prozessschritte, eine analytische und eine Handlungsphase sowie zwei Kooperationsebenen). Es (erfüllt dabei mehrere Funktionen): die Gestaltung der Kooperation mit Klient:innen, die Zusammenarbeit auf der Fachebene, die Einordnung von Methoden und Instrumenten sowie die Habitusbildung von Studierenden und Professionellen.
Der Beitrag stellt zunächst vier Variationen vor – Tätigkeiten, Fragen, Symbole/Metaphern und Grundhaltungen – und nimmt anschliessend drei Klärungen zu verbreiteten Missverständnissen bezüglich des Konzepts KPG vor.
Variationen als didaktisches Werkzeug
Die Autorinnen greifen den Aspekt der Habitusbildung auf und zeigen, wie das Prozessgestaltungsmodell (Studierenden wie Praktikern in spielerischer Weise nähergebracht werden kann). Die Variationen werden verglichen mit (Noten für Fingerübungen – unverzichtbar für virtuoses Spielen): Sie sollen das Verständnis für die einzelnen Prozessschritte vertiefen und einen Beitrag zur Entwicklung professionellen Könnens leisten.
Tätigkeiten
Die erste Variation ordnet den Prozessschritten konkrete Tätigkeiten zu: offenes Wahrnehmen und Informationen sammeln (Situationserfassung), strukturiertes Datenerheben und Fallthematik herausarbeiten (Analyse), theoretisches Wissen beiziehen und (Erkenntnisse zusammenfassen, eine Arbeitshypothese formulieren) (Diagnose). Es folgen Bilder für den wünschenswerten Zustand finden und Zielvereinbarungen treffen (Ziele), Vorgehensmöglichkeiten entwerfen (Interventionsplanung), Realisieren und Dokumentieren (Interventionsdurchführung) sowie Innehalten, Auswerten und Folgerungen ableiten (Evaluation).
Besonders betont wird bei der Situationserfassung die Notwendigkeit, den eigenen Impuls zur sofortigen Bewertung zurückzustellen und bei der Diagnose die Verbindung von Erklärungen und Handlungsmöglichkeiten.
Fragen
(Ein anderer möglicher Zugang ist derjenige über Fragen), die den Prozessschritten und Kooperationsebenen zugeordnet werden. Auf der Klientenebene reichen sie von »Welches ist Ihr Anliegen?« (Situationserfassung) über »Wohin soll diese gemeinsame Reise gehen?« (Ziele) bis zu »Wie war es? Was hat es gebracht?« (Evaluation). Auf der Fachebene umfassen sie unter anderem: »Was ist unser Auftrag?« (Situationserfassung), »Welches theoretische Wissen könnte beigezogen werden?« (Diagnose), »Welche Vorgehensmöglichkeiten sind geeignet?« (Interventionsplanung) und »Was können wir für ähnliche Fälle lernen?« (Evaluation). Besonders bei der Diagnose wird auf beiden Ebenen gefragt: »Haben wir den Kern des Problems erfasst? Welches war der Aha-Moment im Verstehensprozess?«
Symbole und Metaphern
Ein Praxisteam überraschte die Autorinnen mit (neun kleinen Geschenken, die dem Prozessgestaltungsmodell zugeordnet wurden): Notizbuch (Situationserfassung), Lupe (Analyse), Kerze (Diagnose), Zielwasser (Ziele), Blumensamen (Interventionsplanung), Kräutertee (Interventionsdurchführung), Postkarten-Set (Evaluation), Puzzle (Kooperation mit Klient:innen) und Trinkschokoladen (Kooperation auf der Fachebene). Der Einsatz von (Symbolen und Metaphern dient dazu, Komplexität zu reduzieren und durch Bilder abstrakte Inhalte wie die Prozessschritte kommunizierbar zu machen). Weitere Vorschläge umfassen unter anderem: in den Spiegel schauen oder Fernrohr (Situationserfassung), unterschiedliche Brillen (Analyse), Scheinwerfer zum Durchleuchten (Diagnose) und Bilder von einem schönen Ort (Ziele).
Übergreifende Metaphern
Metaphern können auch alle Prozessschritte in einem zusammenhängenden Bild veranschaulichen. Beim (Theaterbesuch) betrachtet die Besucherin zunächst das Bühnenbild (Situationserfassung), befragt Schauspieler zu ihren Rollen (Analyse), blickt hinter die Kulissen und rekonstruiert das Drehbuch (Diagnose), entwirft eine Skizze für die nächste Szene (Ziele), organisiert Proben und gestaltet das Bühnenbild um (Interventionsplanung), führt das neue Stück auf (Interventionsdurchführung) und bespricht die Aufführung gemeinsam nach (Evaluation). Bei der (Wanderung) werden Wanderberichte gesucht (Situationserfassung), Routen und Anspruchsniveaus studiert (Analyse), bisherige Wanderungen hinsichtlich Schwierigkeiten und Gruppendynamik reflektiert (Diagnose), eine Berghütte als Ziel gewählt, der Rucksack gepackt und die Route in Etappen eingeteilt (Interventionsplanung), die Wanderung durchgeführt (Interventionsdurchführung) und anschliessend ein Fotoalbum erstellt und ein Nachtreffen organisiert (Evaluation).
Grundhaltungen
Im Rahmen des Forschungsprojekts KoopIn wurden mit sieben Praxispartnern Standards zu den einzelnen Prozessschritten erstellt, in denen jeweils (die erforderliche Haltung ausgewiesen ist – als Puzzleteile einer bewusst ausgestalteten professionellen Grundhaltung). Die Übersicht reicht von Offenheit und Neugier – »so viel wie möglich sehen, so wenig wie möglich verstehen« – (Situationserfassung) über vielfältige Perspektiven explorieren (Analyse), Suchbewegungen nach Erklärungen (Diagnose), motivierende Impulse geben bei gleichzeitiger Zurückhaltung (Ziele) und Erfinderischsein (Interventionsplanung) bis zu Dranbleiben bei gleichzeitiger Flexibilität (Interventionsdurchführung) und Wertschätzung verbunden mit Verbesserungswillen und Fehlerfreundlichkeit (Evaluation). Diese Grundhaltungen können sowohl als Orientierung für einzelne Phasen als auch als Bausteine einer umfassenden professionellen Haltung verstanden werden.
Drei Klärungen
Modell als Hilfsmittel: (Die Variationen könnten die Gefahr verstärken, das Konzept auf eine Modellvorstellung zu reduzieren). Ein Modell ist jedoch stets eine Komplexitätsreduktion auf wesentliche Elemente und Zusammenhänge – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Vieles, was das Konzept KPG als generalistisches Handlungskonzept kennzeichnet – strukturelle Rahmenbedingungen, professionsethische Ausrichtung, konkrete methodische Vorgaben zu Analyse, Diagnose und Zielformulierung, die Prinzipien von Ressourcenorientierung und Empowerment – lässt sich aus dem Prozessgestaltungsmodell allein nicht ablesen.
Einheit der analytisch-diagnostischen Phase: Die Unterteilung der Sozialen Diagnose in Situationserfassung, Analyse und Diagnose macht deutlich, (welch unterschiedliche kognitive Bewegungen verlangt sind: wahrnehmen/erfassen – bewerten/herausarbeiten, worum es geht – erklären, verstehen). Diese Unterteilung ist ein analytisches Hilfsmittel; der Analyseschritt ist integraler Bestandteil der Sozialen Diagnose, da die Klärung der Fallthematik – die Problembestimmung im Sinne Schöns – eine unabdingbare Voraussetzung für das diagnostische Fallverstehen darstellt. Die analytische Trennung kann auch anders vorgenommen werden, die Autorinnen halten diese Dreiteilung jedoch für die hilfreichste.
Prozesszyklen und Komplexität: Das Prozessmodell bildet die zeitliche Dimension nicht ab. (Bei länger dauernden Unterstützungsprozessen wird in mittel- und langfristigen Zyklen gedacht; bei Alltagsbelangen gibt es auch wöchentliche, tägliche, minütliche Prozesszyklen). Die versierte Praktikerin bewegt sich stets in mindestens zwei Prozesszyklen gleichzeitig und unterscheidet informelle (im Alltag) von formeller Prozessgestaltung (im strukturierten Gesamtprozess). Auch die Reihenfolge der Prozessschritte ist nicht statisch – bei der Situationserfassung können bereits Ziele formuliert werden, bevor eine differenzierte Analyse stattfindet.
Ein angemessener Umgang mit Komplexität erfordert eine kontinuierliche Bewegung zwischen themenbezogener Komplexitätserhöhung und strukturierter Komplexitätsreduktion – also bewusste Entscheidungen darüber, wovon man ausgeht und was zunächst im Hintergrund bleiben soll. Letzteres fällt oft schwer, ist aber unerlässlich, damit die Bearbeitung eines Falles auf nachvollziehbar begründeten Entscheidungen beruht.