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Denken und Handeln – Eine transdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Konzept Kooperative Prozessgestaltung
Ursula Hochuli Freund
Seiten: 52–70 | Zeilen: 581–793
Ursula Hochuli Freund untersucht als Ko-Autorin des KPG-Konzepts kritisch, wie Denken und Handeln in der professionellen Sozialen Arbeit zusammenhängen. KPG will einen Orientierungsrahmen bieten, in dem professionelles Handeln in Phasen des Denkens eingebettet ist – dem Handeln soll vorausschauendes Denken vorangehen und nachträgliche Reflexion folgen (KPG als Orientierungsrahmen). Die einfache Unterscheidung zwischen analytischer Phase (Denken) und Handlungsphase greift allerdings zu kurz, da beide Phasen sowohl Denk- als auch Handlungsanteile enthalten (Dichotomisierung unzureichend).
Für die kritische Reflexion zieht Hochuli Freund drei Konzepte aus Nachbardisziplinen heran, die das Verhältnis von Denken und Handeln je unterschiedlich fassen. Der Praxiseinwand, ein strukturiert-vorausschauendes Vorgehen gemäss KPG sei zu zeitaufwändig, wird dabei ebenso berücksichtigt wie die Hypothese, dass die Investition in vorausschauendes Denken in der Handlungsphase wieder eingespart wird (Effizienz-Hypothese).
Gigerenzers Heuristiken und die KPG
Gerd Gigerenzer plädiert für einfache Lösungen komplexer Probleme mittels Heuristiken – schneller, sparsamer Entscheidungsstrategien. Eine Faustregel ermöglicht es, «eine Entscheidung schnell zu treffen, ohne viel Informationssuche und doch mit einem hohen Mass an Genauigkeit» (Faustregel-Definition). Intuition beschreibt Gigerenzer als ein Urteil, das «unvermittelt im Bewusstsein auftaucht», dessen Gründe nicht voll bewusst sind, das aber «stark genug ist, um danach zu handeln» (Intuitionsdefinition). Dabei greifen Expertinnen auf weniger Informationen zurück als Neulinge und nutzen gezielt bewährte Heuristiken (Expertise und Heuristiken).
Auf den ersten Blick scheint Gigerenzers Postulat einfacher Lösungen dem systematischen Vorgehen der KPG zu widersprechen. Hochuli Freund argumentiert jedoch, dass KPG als theoretischer Bezugsrahmen für die Herleitung professionsspezifischer Faustregeln dienen kann (KPG als Heuristik-Rahmen). So lässt sich eine KPG-basierte Faustregel ableiten: «Worum genau geht es hier und wie erkläre ich es mir? Was ist mein Ziel?» In kritischen Situationen folgt die Praktikerin damit in Sekundenschnelle der Logik des Prozessgestaltungsmodells – Situationserfassung, Analyse, Diagnose, Zielbestimmung, Intervention.
Scheitert die Intervention, beginnt die Arbeit mit der Faustregel aufs Neue (Iteratives Vorgehen). In der nachträglichen Reflexion – entlastet vom Handlungsdruck – können dann alle weiteren Aspekte einbezogen werden. Für den regulären professionellen Standard bleibt ein differenzierter analytisch-diagnostischer Prozess massgeblich; der KPG-Grundsatz lautet: «so einfach wie möglich, so umfassend wie nötig».
Kahnemans zwei Denksysteme
Daniel Kahneman unterscheidet zwei Modi des Denkens: System 1 funktioniert spontan, schnell und automatisch, arbeitet assoziativ und emotional; System 2 hingegen arbeitet langsam, logisch und präzise und erfordert bewusste Anstrengung (Zwei Denksysteme). System 1 kann zu kognitiven Verzerrungen führen – etwa zum Halo-Effekt, zur Überbewertung zufällig verfügbarer Informationen oder zur unbewussten Substitution schwieriger durch einfachere Fragen. Voreilige Schlüsse sind besonders riskant, wenn die Situation unvertraut ist, viel auf dem Spiel steht und die Informationslage dünn ist – dann brauche es das bewusste Eingreifen von System 2 (Risiko voreiliger Schlüsse).
Neben fehlerbehafteten Automatismen identifiziert Kahneman erfahrungs- und wissensbasierte «skilled intuitions», die auf wiederholter Erfahrung und Expertise aufbauen (Skilled Intuitions). Insbesondere Novizen greifen unbewusst auf vereinfachende Heuristiken zurück, während echte Expertinnen wissensbasiert urteilen (Novizen vs. Experten).
Kahnemans Empfehlung – Innehalten, bewusst Denken, Üben – lässt sich direkt als Plädoyer für KPG lesen, das darauf abzielt, das Denken vor dem Handeln zu habitualisieren (Innehalten als KPG-Plädoyer). Die expliziten KPG-Prozessschritte – Situationserfassung mit Offenheit und Neugier, systematische Analyse, begründete Diagnose – verhindern genau jene automatisierten Kurzschlüsse, vor denen Kahneman warnt.
Das Konzept ist dabei im Kontext der Lehre entstanden, um Studierenden methodisch-strukturiertes professionelles Handeln zu vermitteln und ihren Kompetenzerwerb zu unterstützen (KPG im Lehrkontext). In Kahnemans Logik geht es darum, die Intuitionen von System 1 zu disziplinieren und durch bewusste, wissensbasierte Entscheidungsprozesse zu ersetzen.
Schöns reflection-in-action
Donald A. Schön entwickelte seine Praxis-Epistemologie als Gegenentwurf zum Modell technischer Rationalität. Er zeigt, dass alltägliche Berufspraxis auf implizitem Wissen (tacit knowledge) beruht: Praktikerinnen fällen unzählige Qualitätsurteile, für die sie keine expliziten Kriterien angeben können (Implizites Praxiswissen). Schöns reflection-in-action beschreibt professionsübergreifend eine dreiteilige Struktur des «Nachdenkens im Tun»: Problembestimmung, Untersuchung und Problemlösungsvorschläge (Struktur der reflection-in-action).
Eine erfahrene Praktikerin nutzt bei dieser reflection-in-action ihr Erfahrungsrepertoire, ein professionsbezogenes Bedeutungssystem und eine theoretische Orientierung. Eine solche «overarching theory» liefert keine anwendbare Regel, sondern eine Sprache, aus der Beschreibungen und Interpretationen konstruiert werden können (Overarching Theory).
Ohne eine begleitende reflection-on-action – eine kritische Reflexion über das eigene Vorgehen – bliebe das Verstehen begrenzt und könnte in einer sich selbst verstärkenden Schlaufe hängen bleiben (Gefahr ohne Metareflexion).
Die drei Vorgehensschritte nach Schön – Problembestimmung, Untersuchung, Problemlösung – entsprechen der analytisch-diagnostischen Prozessphase der KPG. KPG fungiert nach Schön als «overarching theory» für den Prozess von Problembestimmung, Untersuchung und Lösungsfindung. Das Effizienz-Potenzial dieses strukturierten Vorgehens wird durch ein laufendes Forschungsprojekt zur Kooperativen Instrumenteentwicklung empirisch untersucht (Effizienz-Forschungsprojekt).
Synthese: Denken, Planen, Handeln, Reflektieren
Alle vier Konzepte beziehen sich auf den angemessenen Umgang mit komplexen, von Ungewissheit geprägten Situationen und gehen davon aus, dass es hierfür keine Standardtechnologien gibt. Während Gigerenzer einfache Heuristiken propagiert, betont Kahneman den Unterschied zwischen unbewusst-automatisierten und bewusst gewählten, wissensbasierten Heuristiken. Schöns Praxis-Epistemologie wiederum zeigt eine Struktur, die gute Praktikerinnen intuitiv nutzen, indem sie Situationen neu rahmen und experimentierend untersuchen (Struktur der reflection-in-action).
KPG integriert diese Perspektiven: Es bietet einen Strukturierungsrahmen für Denk- und Handlungsprozesse, stellt Methoden sowie methodische Hilfsmittel zur Verfügung und beinhaltet implizit ein Entscheidungsfindungsmodell. Professionelles Handeln erfordert eine KPG-basierte Grundhaltung innerhalb jedes Prozessschritts und zugleich einen organisational implementierten strukturierten Prozess. Jede Fallbearbeitung bleibt dabei ein einzigartiger, experimenteller Prozess – eine gemeinsame Abenteuerreise aller Fallbeteiligten, bei der Denken, Planen, Handeln und Reflektieren untrennbar miteinander verbunden sind (KPG als Orientierungsrahmen).