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Csaba Fabian e60a03b0f0 Enhance chapters 08, 09, and 10 with additional references and content updates
- Chapter 08: Situationserfassung
  - Added multiple references related to Auftrag, Aufgaben, and Methoden.
  - Updated content to clarify the importance of cooperation and resource orientation in situation assessment.

- Chapter 09: Analyse
  - Introduced new references discussing the analysis process and methods.
  - Expanded on the distinction between data organization and the collection of assessments from stakeholders.

- Chapter 10: Diagnose
  - Added references clarifying the etymology and significance of diagnosis in social work.
  - Updated sections on diagnostic principles, expert activity, and dialogical negotiation.
  - Included a detailed description of theory-guided case understanding and reconstructive methods.
2026-03-06 06:15:29 +00:00

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09 Analyse

Die Analyse bildet den zweiten Prozessschritt in der Kooperativen Prozessgestaltung. Nachdem die wesentlichen Daten erfasst und vorläufige Themen festgestellt sind, gilt es, eine genauere (Auslegeordnung vorzunehmen: eine Analyse durchzuführen). Das Kapitel stellt verschiedene Analysemethoden vor — von der Perspektivenanalyse über Notationssysteme und quantitative sowie qualitative Verfahren bis hin zu systemischen Methoden — und schliesst mit einer kritischen Methodenreflexion.

Im Unterschied zur Situationserfassung geht es bei der Analyse weniger um das Ordnen vorhandener Daten, sondern darum, (eine andere Art von Daten — Einschätzungen, Bewertungen, Beurteilungen von unterschiedlichen Beteiligten — einzuholen und diese in einem strukturierten Vorgehen auszuwerten). Die Aufteilung zwischen Situationserfassung, Analyse und Diagnose ist im Fachdiskurs nicht einheitlich; Begriffe wie Situationsanalyse oder soziale Diagnose werden je nach Autorin anders verwendet.

Aufgabe und Vorgehen

Die (Analyse dient stets der Klärung; ihr Zweck ist die Bestimmung der Fallthematik, wobei Komplexität zunächst erweitert und anschließend reduziert wird). In der Phase der Datenerhebung wird die Komplexität durch gezielt neue Informationen erhöht; in der Auswertungsphase erfolgt Komplexitätsreduktion durch fachliche Beurteilung und Gewichtung. Die Analyse bezieht sich stets darauf, Probleme und Risiken herauszuarbeiten wie auch individuelle und soziale Ressourcen zu erkennen.

Das Vorgehen gliedert sich in vier Schritte: Wahl geeigneter Analysemethoden, Datenerhebung (Auslegeordnung), Datenauswertung mittels konstatierender Hypothesen und Herausarbeiten der Fallthematik. Im letzten Schritt wird (auf der Grundlage der konstatierenden Hypothesen herausgearbeitet, worum genau es in einem Fall geht). Die Fallthematik kann zum Diagnoseschritt überleiten oder bei einfacheren Fällen direkt eine Indikation für Interventionen begründen. Die Methoden lassen sich u. a. nach Standardisierungsgrad, Datenart, Perspektivität und Kooperationsebene kategorisieren.

Perspektivenanalyse

Bei der Perspektivenanalyse gemeinsam mit Beteiligten werden die Sichtweisen verschiedener Fallbeteiligter erfasst. Die MAP-Methode strukturiert (Standortgespräche, bei denen Stärken, Bedürfnisse, Träume und Befürchtungen aller Beteiligten herausgearbeitet werden). Müller formuliert im Konzept Multiperspektivischer Fallarbeit Arbeitsregeln wie »Was ist für wen ein Problem?« und »Wer hat welche Ressourcen?«. (Von Spiegel hat für die Situations- und Problemanalyse Arbeitshilfen in Tabellenform erstellt), die sowohl Wahrnehmungen als auch Motive und Gefühle erfassen.

Die Fallinszenierung ermöglicht eine Perspektivenanalyse auf der Fachebene, bei der Kolleg*innen Rollen von Fallbeteiligten übernehmen; (der Sinn besteht darin, die vorhandenen Beziehungsmuster, Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen zu entfalten). Bei der Analyse durch Reflexion des eigenen Erlebens werden Gegenübertragungsgefühle der Professionellen in Anlehnung an Balint-Gruppen als analytischer Zugang genutzt, um die verborgene Thematik eines Falles zu erkennen.

Notationssysteme

Notationssysteme stellen eine Struktur zur Erhebung und (Visualisierung von fallbezogenen Daten bereit — darunter das Genogramm zur Darstellung familiärer Beziehungen sowie Zeitstrahl und biografischer Zeitbalken für die zeitliche Dimension). Das Genogramm wird zum Analyseinstrument, wenn Probleme aufgeführt und der Beziehungscharakter aus Sicht der Klient*innen qualifiziert wird.

(Zeitstrahl und Zeitbalken sind teilstandardisierte Methoden, die in jedem Praxisfeld einsetzbar sind und die biografische Dimension fokussieren). (Mit der Silhouette kann die Selbstsicht einer Person erfasst werden), indem entlang von Stärken, Schwierigkeiten, Träumen und Albträumen ein Selbstporträt entsteht; die Drei-Häuser-Methode bietet einen ähnlichen Zugang für Kinder.

Die (Netzwerkkarte gibt Aufschluss über Kontaktpersonen, deren Verteilung und gegenseitige Vernetzung) und ist eines der verbreitetsten Analyseinstrumente in der Sozialen Arbeit. Das Soziogramm dient der Untersuchung sozialer Dynamik in Gruppen.

Quantitative und qualitative Verfahren

Unter den quantitativen Verfahren wird PIE als erster bedeutender Versuch eines übergreifenden Klassifikationssystems skizziert. (Maja Heiners PRO-ZIEL-Basisdiagnostik bietet ein integratives Konzept für prozessorientierte Dienstleistungsangebote), das Belastung in sieben Lebensbereichen erfasst und systematisch zwischen Klient*innen- und Expertensicht unterscheidet. Die Risiko-Ressourcenanalyse des Bayrischen Landesjugendamtes stellt Checklisten für Kinder und Jugendliche bereit.

(Cassée hat einen Zugang der Kompetenzorientierung entwickelt, der in der Kinder- und Jugendhilfe der Schweiz als Standard dient). Verschiedene Zugänge ermöglichen (fachliche Fremd-Einschätzungen innerhalb eines Koordinatensystems nach individuellen und sozialen Ressourcen bzw. Problemen).

(Offene Analysefragen sind keine ausdifferenzierten Verfahren, sondern Fragen, mit denen eine Fallsituation schnell beurteilt werden soll) — sie ergänzen die systematische Analyse als wichtiger Bestandteil der Alltagsprozessgestaltung.

Systemische Analysemethoden

Systemische Methoden bauen auf einem systemtheoretischen Fundament auf. Die Problem- und Machtquellen-/Ressourcen-Analyse nach Staub-Bernasconi nutzt Entdeckungskarten entlang von vier Dimensionen (Ausstattung, Austausch, Macht, Werte). Die (Lebensbereichanalyse erfasst die zeitliche Dimension in aktuellen Lebensbereichen, um wesentliche Mikrosysteme zu erkennen). Die systemische Analyse untersucht Intra- und Intersystemdynamiken anhand von Organisationsprinzipien wie Hierarchie, Autonomie, Kooperation und Loyalität.

Reflexion und Standards

Die (Methodenreflexion überprüft die Analysemethoden gemäss den fünf Reflexionskriterien) aus Kapitel 7.4. Die meisten Methoden genügen professionsethischen Ansprüchen; bei rein quantitativen Systemen ohne Einbezug der Klient*innenperspektive gilt dies nur eingeschränkt.

(Als methodischer Standard bei Kooperativer Prozessgestaltung gilt, dass mindestens zwei Analysemethoden einzusetzen sind, von denen mindestens eine die Einschätzungen der Klient*innen aufnimmt). Die sorgfältige Auswahl und Kombination von Methoden, die strukturierte Auswertung mittels konstatierender Hypothesen und die dialogische Bestimmung der Fallthematik bilden den Kern professioneller Analysekompetenz.

Seiten: 187230 Zeilen im Quelldokument: 16392181