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Dissoziation als unwillkürliche Überlebensstrategie
aus einer äußerlich ausweglosen Situation. Wenn das Kind durch die Gewalt seiner Eltern so überfordert wird, dass sich der Zwiespalt nicht mehr integrieren lässt, kommt es zu einem Abschaltpunkt (Hochauf 2007). Die Situation endet am Abschaltpunkt natürlich nicht, aber Wahrnehmung und Gedächtnisspeicherung des Kindes werden dissoziativ fragmentiert. Auf hirnphysiologischer Ebene bedeutet dies, dass die eingehenden Informationen nicht mehr über den Hippocampus in die neokortikale Verarbeitung integriert werden (Sachsse 2004). Sie bleiben sozusagen auf limbischem Niveau stecken und werden in ihre Einzelteile zerlegt. So kann ein Erinnerungsfragment den Geruch des Aftershaves des Vaters beinhalten, ein anderes das Geräusch der sich schließenden Tür, nachdem die Mutter ins Zimmer geguckt hat, ein weiteres das Gefühl schweißnasser Haut oder die Schmerzen im Rachen (Gill 1996; Kagan 2004). Die fragmentierte Speicherung auf limbischem Niveau hat zur Folge, dass diese Erlebnisse nicht als vergangen abgespeichert werden und das traumatisierte Kind dadurch sehr triggeranfällig ist. Das Geräusch einer ins Schloss fallenden Tür oder die orale Stimulation beim Zähneputzen kann später bereits einen Flashback auslösen, bei dem die alte Situation nicht als dort-und-damals, sondern als hier-undheute erlebt wird und das Kind gemessen an der heutigen Realität übertrieben (und für viele Helfer*innen unverständlich) heftig reagiert. Fallbeispiel Josi II Josi sitzt auf der Treppe und behält den Eingang im Auge. Wachsam und einsam wie hinter einer undurchdringlichen Wand sitzt sie da und beobachtet die Tür, durch die vor über einer Stunde ihre Mutter hätte kommen sollen, um Josi zur Beurlaubung abzuholen. Ich setze mich mit etwas Abstand neben sie: »Josi, deine Oma hat gerade angerufen, deine Mama kommt heute leider nicht mehr.« Tatsächlich hatte die Oma (die Mutter der Mutter) Josis Mutter betrunken mit einigen Kumpels im Park gesehen. Der zum Zerreißen angespannte Körper des Mädchens sackt sichtbar in sich zusammen, ihre Schultern beben und sie fängt hilflos an zu schluchzen, sie schlingt sich selbst die Arme um den Oberkörper, wiegt sich vor und zurück und wimmert: »Ich will meine Mama.« Mein Herz fliegt ihr zu, ich will sie in den Arm nehmen, sie festhalten und nie mehr alleine lassen, sie wirkt so schrecklich verloren. Aber Berührungen sind für Josi schwer zu ertragen und ihre Verzweiflung kann in Sekundenbruchteilen in mörderische Wut umschlagen. So auch jetzt: »Ich hasse sie!«, brüllt Josi plötzlich, sie springt auf, tritt mit voller Wucht gegen die Zwischentür zur Diele (zum Glück eine Schwingtür): »So eine blöde, verfickte, versoffene Schlampe!«, brüllt sie mit einer röhrenden, tiefen Stimme, die man dem kleinen Körper gar nicht zugetraut hätte. Ich stehe mit Herzklopfen auf, bemühe mich aber, meinen Atem ruhig zu halten, um ihre Aufregung nicht zu verstärken: »Ich kann verstehen, dass du wütend bist, das ist wirklich nicht cool von ihr«, setzte ich an … Was für ein Fehler! Josi fährt zu mir herum, ihr schmaler Körper scheint sich zu verdichten, als würde sie vor meinen Augen wachsen und sie fährt mich mit kalter Wut an: »Du! Du verstehst doch
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