2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-traumapaedagogik/pages/280.md

2.7 KiB

280

Unbegleitete junge Geflüchtete in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe

kann nur über einen verstehensorientierten Zugang im konkreten Lebenszusammenhang des/der Jugendlichen erfolgen (Zimmermann 2015).

Haltgebende Strukturen Neben diesen Punkten ist zudem zu beachten, dass Kinder und Jugendliche während ihrer Flucht häufig über einen längeren Zeitraum hinweg ohne Tagesstruktur leben und sich weitestgehend selbst versorgen. Nicht jedem fallen danach die Eingewöhnung und Anpassung an die engmaschigen Regelwerke und Bedingungen einer Jugendhilfeeinrichtung leicht. Feste Essenszeiten, der Besuch des Deutschkurses oder der Schule am Vormittag, Anwalts- und Arzttermine am Nachmittag sowie Sport- und Freizeitangebote am Abend und am Wochenende ergeben einen straffen Zeitplan. Auch die Ausgehzeiten sind begrenzt und die Kinder und Jugendlichen müssen zu bestimmten Uhrzeiten in der Einrichtung zurück sein. Nach monatelanger Flucht ohne klare Struktur kann es somit häufiger zu Regelüberschreitungen kommen, d. h. der/die Jugendliche kommt zu spät oder verbringt die Nacht bei Freunden. Die pädagogische Herausforderung besteht darin, den »Guten Grund« (Weiß 2013) für sein Handeln anzuerkennen, dem/der Jugendlichen die Selbstbemächtigung und Autonomie zuzugestehen und gleichermaßen haltgebende Strukturen (Bausum 2013) und den Ausweg aus dem »ich bin ganz alleine und auf mich gestellt« zu vermitteln. Hierbei geht es darum, den Kindern und Jugendlichen einen möglichst sicheren Ort zu bieten, der ein »Gegengewicht zur bisherigen Unberechenbarkeit« darstellt und an dem sie die Möglichkeit haben, einen Umgang mit den Auswirkungen traumatischer Erfahrungen finden, sich selbst und ihre Handlungsstrategien verstehen lernen, Entwicklungshemmnisse aufholen, ergänzende Erfahrungen und sichere Bindungserfahrungen machen können (vgl. Positionspapier BAG).

Ausblick So komplex die Traumaerfahrungen und -folgen von geflüchteten Kindern und Jugendlichen sind, so braucht es auch komplexes sozialpädagogisches Handeln, das auf reflektierten Haltungen, interkulturellen Kompetenzen und Vernetzung im Team aufbaut. Dazu gehört auch die Akzeptanz für das ständige Stoßen an Grenzen in der alltäglichen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen und eine Offenheit, sich mit der Vielschichtigkeit der eigenen Identität, der kulturellen Befangenheiten und dominanten Fremdbildern auseinanderzusetzen sowie Gegenreaktionen zu reflektieren. Gerade im Rahmen von Konfliktsituationen ist das Nutzen der Erkenntnis der Gegenreaktion als Diagnoseinstrument, als Möglichkeit des Verstehens und der Sinnfindung wichtig. Durch die Versorgung dieser Empfindungen kann ein Gefühl der Sicherheit in dieser unglaublich unsicheren