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# Fallarbeit mit KPG: Best-Practice-Beispiele
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Dieser Teil des Buches "Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis" präsentiert fünf Fallbeispiele aus unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Die Autorinnen, Studierende der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, dokumentieren ihre Anwendung des KPG-Modells in der Praxis.
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## 1. Stationäre Kinderhilfe: "Sprechen ist schwierig"
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**Autorin:** Noëmi Hauri
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### Kontext
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Der Fall spielt in der Stiftung Landenhof, einem Zentrum und einer Schule für schwerhörige Kinder und Jugendliche. Die Institution zielt darauf ab, die Kinder auf ein selbstbestimmtes Leben vorzubereiten, wobei die Förderung der Kommunikationsfähigkeit zentral ist ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P217](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-1)).
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Die Klientin ist Lea (Name geändert), ein 12-jähriges Mädchen mit selektivem Mutismus und einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr. Sie lebt unter der Woche im Internat und besucht die Schwerhörigenschule ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P217](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-2)).
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### Prozessschritte
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#### Situationserfassung
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Lea wird als höfliches, pflichtbewusstes Mädchen wahrgenommen, das jedoch im Kontakt mit Gleichaltrigen sehr zurückhaltend ist und kaum spricht. Zu Hause wird sie als kommunikativ und dominant beschrieben. In der vorherigen Regelschule erlebte sie Überforderung und Mobbing, was zu Schulverweigerung und Mutismus führte ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P219](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-3)).
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#### Analyse
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Um Leas Sichtweise zu erfassen, nutzte die Autorin die Methode der "Silhouette" (Selbstbild mit Stärken, Problemen, Wünschen) und das ICF-Formular zur Vorbereitung des Standortgesprächs.
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- **Ergebnis:** Lea wünscht sich, mutiger zu sein und mit anderen Kindern sprechen zu können. Sie hat Angst, ausgelacht zu werden. Alle Beteiligten teilen die Einschätzung, dass Lea im sozialen Kontakt Unterstützung benötigt ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P221](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-4)).
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- **Fallthematik:** Ein 12-jähriges Mädchen mit Hörbeeinträchtigung und selektivem Mutismus, das aufgrund negativer Vorerfahrungen Ängste im Kontakt mit Peers hat, sich aber wünscht, diese zu überwinden ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P221](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-5)).
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#### Diagnose
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Die Autorin nutzte das "Theoriegeleitete Fallverstehen" und zog Theorien zu selektivem Mutismus, der Bedeutung von Peer-Beziehungen, Angst und Selbstwirksamkeit (Bandura) heran.
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- **Erklärende Hypothesen:** Leas Schweigen ist eine Blockade aufgrund von Überforderung. Fehlende Peer-Kontakte beeinträchtigen ihre Sozialisation. Ängste führen zu Vermeidungsverhalten. Ein niedriges Selbstwirksamkeitsgefühl erschwert Verhaltensänderungen ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P226](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-6)).
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- **Arbeitshypothese:** Wenn Lea kleine Erfolgserlebnisse im Umgang mit Gleichaltrigen macht und das Umfeld nicht mit ihren Ängsten "mitschwingt", kann ihre Selbstwirksamkeit gestärkt und das Vermeidungsverhalten abgebaut werden ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P227](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-7)).
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#### Ziele und Intervention
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- **Ziele:** Lea stellt sich ihren Ängsten, nimmt Kontakt zu Kindern auf und führt eine Erfolgsliste.
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- **Interventionen:** Bonusplan für Kontaktaufnahme, Führen einer Erfolgsliste, Bearbeitung eines Heftes zum Thema Angst, "sanfter Druck" und Lob durch Fachpersonen ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P229](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-8)).
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### Reflexion
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Die Kooperation mit dem Kind war zentral und gelang besser als erwartet. Die Methode der Silhouette erwies sich als kindgerechter als reine Fragebögen. Die theoretische Fundierung in der Diagnose eröffnete neue Handlungsperspektiven jenseits der reinen Symptombekämpfung ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P229](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-9)).
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## 2. Sozialdienst: "Schritt in die Unabhängigkeit"
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**Autorin:** Sophie Löw
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### Kontext
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Der Fall stammt aus einem kommunalen Sozialdienst (gesetzliche Sozialhilfe). Der Fokus liegt auf der Ablösung eines jungen Erwachsenen von der Sozialhilfe ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P231](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-10)).
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Der Klient, Herr K. (26 Jahre), bezog seit vier Jahren Sozialhilfe und steht kurz vor einer Festanstellung. Er hat Unsicherheiten im administrativen und finanziellen Bereich ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P233](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-11)).
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### Prozessschritte
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#### Situationserfassung
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Herr K. hat eine schwierige Familiengeschichte und war lange arbeitslos. Nach einer Potenzialabklärung und einem Einsatz in einer Stiftung erhielt er die Aussicht auf eine Festanstellung. Die Ablösung von der Sozialhilfe steht bevor ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P235](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-12)).
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#### Analyse
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Da keine standardisierten Instrumente vorlagen, entwickelte die Autorin eine teilstandardisierte Methode: Ein Brainstorming zu den Lebensbereichen Soziales, Gesundheit, Wohnen, Arbeit und Finanzen.
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- **Ergebnis:** Herr K. fühlt sich in den meisten Bereichen stabil, hat aber große Wissenslücken und Ängste im Bereich Finanzen/Administration (Budget, Steuern, Krankenkasse, Schulden) ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P238](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-13)).
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- **Fallthematik:** Ein junger Mann, dem der Schritt in den Arbeitsmarkt gelingt, der aber Unterstützung bei der Bewältigung der administrativen und finanziellen Selbstständigkeit benötigt ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P239](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-14)).
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#### Ziele und Intervention
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- **Ziele:** Herr K. kann seine finanziellen und administrativen Angelegenheiten eigenständig führen.
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- **Interventionen:** Gemeinsames Erstellen einer Ordnerstruktur, Informationsvermittlung zu Krankenkasse und Steuern, Abgabe von Merkblättern (Schuldenberatung, Budget), Aufzeigen von Anlaufstellen ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P241](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-15)).
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### Reflexion
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Die selbst entwickelte Analysemethode ermöglichte eine strukturierte Erfassung des Unterstützungsbedarfs. Die Intervention ("Hilfe zur Selbsthilfe") zielte auf Nachhaltigkeit nach der Ablösung ab. Eine Herausforderung war die Dosierung der Unterstützung, um Autonomie zu fördern, ohne zu überfordern ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P244](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-16)).
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## 3. Suchthilfe: "Zielkarte für einen herausfordernden Berufswunsch"
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**Autorin:** Andrea Hauri
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### Kontext
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Der Fall spielt in einem stationären Kompetenzzentrum für Suchttherapie. Der Ansatz ist "tiefensystemisch" und potenzialorientiert ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P246](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-17)).
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Der Klient R. (44 Jahre, langjährige Suchtgeschichte, IV-Rentner) befindet sich in der Integrationsphase und möchte Sozialpädagogik studieren. Er zeigt jedoch Unverbindlichkeit im Prozess ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P248](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-18)).
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### Prozessschritte
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#### Situationserfassung
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Da keine berufliche Anamnese vorlag, entwickelte die Autorin einen Fragebogen zur beruflichen Situation und führte ein formelles Erkundungsgespräch. Zudem wurden Informationen bei IV und BIZ eingeholt. Eine Fallkonferenz mit dem externen Therapeuten klärte die Zusammenarbeit und den Umgang mit R.s Unverbindlichkeit ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P250](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-19)).
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#### Analyse
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- **Methode:** Erstellung eines "zukunftsorientierten Zeitstrahls" (Zielkarte) als Visualisierung des Weges zum Berufsziel (Treppe mit Etappen).
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- **Kompetenzanalyse:** Abgleich der Anforderungen der Ausbildung mit R.s Kompetenzen mittels Selbst- und Fremdeinschätzung (Fragebogen).
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- **Ergebnis:** R. hat hohe Ansprüche, muss aber an Verbindlichkeit, Organisation und der Vereinbarkeit von Ausbildung und Vaterrolle arbeiten ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P256](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-20)).
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### Reflexion
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Die Visualisierung mittels Zielkarte gab R. Orientierung. Die klare Struktur von KPG half, den anspruchsvollen Berufswunsch ernst zu nehmen und gleichzeitig realistisch an den Defiziten (Verbindlichkeit) zu arbeiten. Transparenz und Partizipation waren Schlüsselfaktoren für die Kooperation ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P261](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-21)).
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## 4. Stationäre Behindertenhilfe: "Bedürfnisse aufnehmen"
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**Autorin:** Mirjam Eberhart
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### Kontext
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Der Fall betrifft eine Gruppe von Bewohnern in einem Wohnheim für Menschen mit Sehbeeinträchtigung im Alter. Ziel war die Entwicklung eines neuen Freizeitangebots ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P264](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-22)).
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### Prozessschritte
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#### Situationserfassung
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Die Autorin führte kurze narrative Interviews mit allen Bewohnern durch, um Interessen und Wünsche zu erfassen. Fragen bezogen sich auf Freizeitaktivitäten in Kindheit/Jugend und aktuelle Wünsche.
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- **Herausforderung:** Viele Bewohner trauten sich aufgrund der Sehbehinderung kaum noch Aktivitäten zu ("Das kann ich nicht mehr") ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P267](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-23)).
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#### Analyse
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Quantitative Auswertung der genannten Interessen mittels Kategorisierung.
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- **Ergebnis:** Hohes Interesse an Musik und Literatur. Gleichzeitig eine starke Haltung des "Nicht-Könnens" und der Ablehnung von Hilfsmitteln ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P270](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-24)).
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#### Diagnose
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Theoriegeleitetes Fallverstehen zur Erklärung der passiven Haltung.
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- **Theorien:** Theorie der kognizierten Kontrolle und kognitiv-transaktionale Bewältigungstheorie.
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- **Erkenntnis:** Die Ablehnung neuer Tätigkeiten dient dem Erhalt von (sekundärer) Kontrolle und dem Schutz vor Misserfolgserlebnissen (Selbstwirksamkeitsschutz).
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- **Arbeitshypothese:** Positive Erfahrungen in einem sicheren Rahmen sind notwendig, um die Angst vor dem Scheitern zu überwinden ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P275](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-25)).
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#### Intervention
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Einführung einer "Musikhörstunde": Gemeinsames Hören, Informationen zu Komponisten und Austausch. Dies erfordert keine visuelle Leistung und bietet einen sicheren Rahmen ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P277](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-26)).
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### Reflexion
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Die Diagnose war entscheidend, um das Verhalten der Bewohner nicht als Desinteresse, sondern als Bewältigungsstrategie zu verstehen. Das Angebot wurde sehr gut angenommen ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P278](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-27)).
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## 5. Spitalsozialarbeit: "Autonomieförderung"
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**Autorin:** Noemi Burgener
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### Kontext
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Der Fall spielt in einer psychosomatischen Klinik. Die Sozialberatung ist freiwillig und zeitlich begrenzt.
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Die Klientin Frau G. (55 Jahre) ist wegen Depressionen und Schmerzen in der Klinik. Sie lebt getrennt von ihrem alkoholkranken Mann, der jedoch aktuell in ihrer Wohnung lebt. Sie wünscht sich Veränderung ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P281](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-28)).
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### Prozessschritte
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#### Situationserfassung
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Erkundungsgespräch zu den Lebensbereichen.
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- **Situation:** Frau G. fühlt sich durch den Mann in ihrer Wohnung eingeschränkt. Sie hat eine Geschichte von Beziehungen zu alkoholkranken Menschen (Vater, Mann, Freundinnen). Sie wirkt hilfsbereit, aber passiv und abhängig ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P286](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-29)).
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#### Analyse
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- **Methoden:** Zeitstrahl und Systemische Denkfigur (SDF).
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- **Ergebnis:** Frau G. investiert viel in ungleiche Beziehungen (Helfersyndrom) und erhält wenig zurück. Sie wünscht sich Autonomie, fühlt sich aber durch begrenzte Ressourcen eingeschränkt ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P290](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-30)).
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#### Diagnose
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- **Theorien:** Bindungstheorie (unsicher-ambivalent) und Konzept der Co-Abhängigkeit.
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- **Erkenntnis:** Frau G. hat durch instabile Beziehungen ein Muster von Passivität und Helfen (Co-Abhängigkeit) entwickelt, um Anerkennung zu erhalten.
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- **Arbeitshypothese:** Stabile Beziehungen zu Professionellen können ihr helfen, neue, gleichwertige Beziehungsmuster zu erlernen und Autonomie zu wagen ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P294](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-31)).
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#### Intervention
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Frau G. organisierte mit Unterstützung (Pflege, Sozialarbeit) ihre Wohnsituation neu (Mann muss ausziehen), beantragte eine Beistandschaft zur Entlastung und organisierte ambulante psychiatrische Nachsorge ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P296](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-32)).
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### Reflexion
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Die KPG ermöglichte trotz kurzer Dauer eine tiefe Auseinandersetzung. Die Diagnose half, die "Hilfsbereitschaft" als Teil eines problematischen Musters zu verstehen und die Autonomiebestrebungen gezielt zu stärken ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P296](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md#reference-33)).
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## Quellennachweis
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Die in diesem Artikel verwendeten Buchzitate wurden verifiziert und dokumentiert. Für detaillierte Quellenangaben mit exakten Textstellen siehe: [Evidenzdatei Fallarbeit](./chapter_p_07_fallarbeit.evidence.md)
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