2026-001/knowledge-base/chapters/chapter_p_05_variationen.md

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# Variationen zum Prozessgestaltungsmodell
## Einleitung
Das Prozessmodell der Kooperativen Prozessgestaltung (KPG) dient als Orientierungsrahmen, um methodisch strukturiertes und kooperatives Handeln in der Sozialen Arbeit sicherzustellen. Um das Verständnis für die sieben Prozessschritte zu vertiefen und eine spielerische Annäherung an das Konzept zu ermöglichen, werden verschiedene Variationen des Modells vorgestellt. Diese "Fingerübungen" sollen die Habitusbildung von Studierenden und Fachkräften fördern, indem sie den Sinn und die spezifische Bedeutung jedes Schrittes verdeutlichen ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P180](./chapter_p_05_variationen.evidence.md#reference-1)).
## Variationen der Prozessschritte
### 1. Tätigkeiten
Den einzelnen Prozessschritten können spezifische Tätigkeiten zugeordnet werden, um die geforderte kognitive und handlungsbezogene Aktivität zu verdeutlichen:
* **Situationserfassung**: Wahrnehmen, beobachten, zuhören, Informationen sammeln, eigene Bewertungsimpulse zurückstellen.
* **Analyse**: Daten strukturieren, Einschätzungen erfassen, Fallthematik herausarbeiten.
* **Diagnose**: Verstehen wollen, Hypothesen bilden, Erklärungen suchen, Handlungsmöglichkeiten aufspüren.
* **Ziele**: Wünschenswerten Zustand imaginieren, Ziele vereinbaren, Bilder für die Zukunft finden.
* **Interventionsplanung**: Vorgehen entwerfen, planen, Ressourcen prüfen.
* **Interventionsdurchführung**: Realisieren, begleiten, unterstützen, koordinieren.
* **Evaluation**: Innehalten, auswerten, beurteilen, Folgerungen für die Zukunft ableiten.
([Hochuli Freund/Stotz 2017, P183](./chapter_p_05_variationen.evidence.md#reference-2))
### 2. Fragen
Ein weiterer Zugang erschließt sich über zentrale Fragen, die sowohl auf der Klientenebene als auch auf der Fachebene gestellt werden können:
* **Situationserfassung**: "Welches ist Ihr Anliegen?" (Klient), "Was ist unser Auftrag?" (Fach).
* **Analyse**: "Worum genau geht es hier?", "Wer hat welche Ressourcen?", "Wie schätzen Beteiligte die Situation ein?".
* **Diagnose**: "Wie können wir das verstehen?", "Welche Erklärungen gibt es?", "Welche Hypothesen lassen sich bilden?".
* **Ziele**: "Wohin soll die Reise gehen?", "Welche Veränderungen streben wir an?".
* **Interventionsplanung**: "Wer macht wann was?", "Welche Ressourcen gibt es?".
* **Interventionsdurchführung**: "Wie läuft es?", "Braucht es Modifikationen?".
* **Evaluation**: "Was hat es gebracht?", "Was können wir daraus lernen?".
([Hochuli Freund/Stotz 2017, P184](./chapter_p_05_variationen.evidence.md#reference-3))
### 3. Symbole und Metaphern
Symbole und Metaphern helfen, Komplexität zu reduzieren und sich über abstrakte Inhalte zu verständigen.
**Symbole für einzelne Schritte:**
* **Situationserfassung**: Notizbuch, Spiegel, Kamera.
* **Analyse**: Lupe, Brille, Landkarte.
* **Diagnose**: Kerze, Scheinwerfer.
* **Ziele**: "Zielwasser", Bild eines schönen Ortes.
* **Interventionsplanung**: Blumensamen, Material bereitstellen.
* **Interventionsdurchführung**: Kräutertee, Unterwegs sein.
* **Evaluation**: Postkarten-Set, Bilanz ziehen.
**Narrative Metaphern:**
* **Theaterbesuch**: Der Prozess wird als Theaterbesuch durchgespielt vom Betrachten des Bühnenbilds (Situationserfassung) über den Blick hinter die Kulissen und das Verstehen der Dynamik (Diagnose) bis hin zur Besprechung der Aufführung (Evaluation).
* **Wanderung**: Der Prozess als gemeinsame Wanderung von der Routenwahl und dem Studieren von Karten (Analyse) über das Packen des Rucksacks (Planung) bis zum Erstellen eines Fotoalbums und dem Nachtreffen (Evaluation).
([Hochuli Freund/Stotz 2017, P185](./chapter_p_05_variationen.evidence.md#reference-4))
### 4. Grundhaltungen
Für jeden Prozessschritt ist eine spezifische professionelle Grundhaltung erforderlich:
* **Situationserfassung**: Offenheit, Neugier ("so viel wie möglich sehen, so wenig wie möglich verstehen").
* **Analyse**: Explorativ, vielfältige Perspektiven einbeziehen.
* **Diagnose**: Suchbewegungen, Verstehen wollen.
* **Ziele**: Nach vorne schauen, motivierend, sich selbst zurücknehmend.
* **Interventionsplanung**: Erfinderisch sein.
* **Interventionsdurchführung**: Dranbleiben und flexibel sein.
* **Evaluation**: Wertschätzung, Fehlerfreundlichkeit, Verbesserungswille.
([Hochuli Freund/Stotz 2017, P189](./chapter_p_05_variationen.evidence.md#reference-5))
## Drei Klärungen zum Konzept
Um Missverständnissen vorzubeugen, werden drei Aspekte des Modells präzisiert:
### 1. Modell als Modell
Ein Modell ist stets eine Reduktion von Komplexität und kein vollständiges Abbild der Realität. Das KPG-Prozessmodell bildet wesentliche Elemente ab, lässt aber andere Aspekte (wie strukturelle Rahmenbedingungen, ethische Prinzipien oder detaillierte methodische Vorgaben) außen vor. Diese sind jedoch integraler Bestandteil des Gesamtkonzepts ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P190](./chapter_p_05_variationen.evidence.md#reference-6)).
### 2. Einheit der analytisch-diagnostischen Phase
Die Unterteilung in **Situationserfassung**, **Analyse** und **Diagnose** ist analytisch notwendig, um unterschiedliche kognitive Bewegungen zu unterscheiden (Wahrnehmen vs. Bewerten vs. Verstehen). In der Praxis bilden diese Schritte jedoch eine Einheit der "Sozialen Diagnose". Die Klärung der Fallthematik (Analyse) ist eine unabdingbare Voraussetzung für das tiefergehende Verstehen (Diagnose) ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P191](./chapter_p_05_variationen.evidence.md#reference-7)).
### 3. Prozesszyklen und Komplexität
Das statische Modell bildet die Zeitdimension nicht ab. In der Praxis finden jedoch verschiedene **Prozesszyklen** statt:
* **Langfristige Zyklen**: Monate bis Jahre (formelle Prozessgestaltung).
* **Kurzfristige Zyklen**: Wochen, Tage, Minuten (informelle Prozessgestaltung im Alltag).
Professionelle bewegen sich oft in mehreren Zyklen gleichzeitig. Zudem ist die Abfolge der Schritte nicht starr; sie kann variieren. Ein professioneller Umgang mit Komplexität erfordert einen bewussten Wechsel zwischen **Öffnung** (Komplexitätserhöhung) und **Schliessung** (Komplexitätsreduktion/Entscheidung) ([Hochuli Freund/Stotz 2017, P192](./chapter_p_05_variationen.evidence.md#reference-8)).
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## Quellennachweis
Die in diesem Artikel verwendeten Buchzitate wurden verifiziert und dokumentiert. Für detaillierte Quellenangaben mit exakten Textstellen siehe: [Evidenzdatei Variationen](./chapter_p_05_variationen.evidence.md)
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Siehe auch: [Buchzusammenfassung](../books/book_kpg_praxis.md)