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Implementation eines Tools für sozialpädagogische Prozessgestaltung
Dieses Kapitel fasst die Erfahrungen aus der Implementation des Konzepts der Kooperativen Prozessgestaltung (KPG) in einer grossen Einrichtung der stationären Behindertenhilfe (Stiftung Schürmatt) zusammen. Der Prozess umfasste die Entwicklung passender Instrumente sowie deren Einführung in die Praxis, begleitet durch ein Team der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW.
1. Ausgangslage und Zielsetzung
Die Einrichtung stand vor der Aufgabe, eine neue Software für die Falldokumentation einzuführen. Dies wurde zum Anlass genommen, die sozialpädagogische Fallarbeit neu zu strukturieren und auf dem Konzept KPG aufzubauen. Ziel war es, die bestehenden, als komplex und wenig vernetzt empfundenen Instrumente zu vereinfachen, fachlich zu fundieren und in eine einheitliche Systematik zu integrieren (Hochuli Freund/Stotz 2017, P170).
2. Projekt 1: Instrumenten-Entwicklung (KoopIn)
Das erste Teilprojekt, "Kooperative Instrumente-Entwicklung" (KoopIn), widmete sich der Anpassung der Arbeitsinstrumente an die Standards von KPG und die Anforderungen der neuen Software.
Vorgehen
- Analyse: In einem ersten Schritt wurden die bestehenden Instrumente durch Wissenschaftlerinnen und Praktikerinnen beurteilt. Mängel wie fehlende diagnostische Verstehensbewegungen, mangelnde Kooperation mit Klient*innen und eine "beliebige" Festlegung von Kernthemen wurden identifiziert (Hochuli Freund/Stotz 2017, P173).
- Entwicklung: In einer Serie von Workshops erarbeitete ein gemischtes Projektteam (Praxis und Hochschule) neue Instrumente. Dabei mussten Kompromisse eingegangen werden, um die fachlichen Ansprüche von KPG in die Logik der vorgegebenen Dokumentationssoftware zu integrieren (Hochuli Freund/Stotz 2017, P174).
Ergebnisse der Instrumenten-Anpassung
Die Anpassungen erfolgten entlang der KPG-Prozessschritte:
- Situationserfassung/Analyse: Klare Trennung von Beschreibung und Bewertung. Einführung der Perspektivenanalyse zur Stärkung der Kooperation mit Klient*innen. Integration kantonaler Vorgaben (IBB) (Hochuli Freund/Stotz 2017, P176).
- Analyse/Diagnose: Systematische Herleitung einer "Fallthematik" aus der Analyse. Einführung expliziter Erklärungsversuche ("Weil-Hypothesen") und handlungsleitender Arbeitshypothesen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P176).
- Ziele: Ableitung der Grobziele aus der Fallthematik und Diagnostik. Sicherstellung, dass Bildungsziele für die Klient*innen bedeutsam sind (Hochuli Freund/Stotz 2017, P177).
- Gesamtbetrachtung: Versuch, die unterschiedlichen Logiken von Fachlichkeit und Software zu harmonisieren (Hochuli Freund/Stotz 2017, P177).
Das Ergebnis wurde als differenziert und fachlich fundiert bewertet, wobei der Begleitaufwand durch die Hochschule dank des Vorwissens der Praxispartner effizient gestaltet werden konnte (Hochuli Freund/Stotz 2017, P177).
3. Projekt 2: Implementation
Die Einführung der neuen Instrumente erfolgte "top-down", begleitet von intensiven Schulungsmassnahmen.
Schulungskonzept
- Information: Regelmässige Information der Mitarbeitenden während der Entwicklungsphase und eine Auftaktveranstaltung für alle Abteilungsleitenden (Hochuli Freund/Stotz 2017, P178).
- Schulungen: Es wurden zwei Varianten durchgeführt:
- Multiplikatoren-Modell: Schulung der Abteilungsleitenden, die das Wissen an ihre Teams weitergeben.
- Direktschulung: Direkte Schulung ausgewählter Teams durch die Wissenschaftlerinnen. Inhaltlich lag der Fokus auf den theoretischen Grundlagen und der methodischen Anwendung, insbesondere bei Analyse und Diagnose (Hochuli Freund/Stotz 2017, P178).
- Qualitätssicherung: Ein Vierteljahr nach den Schulungen fanden Fallbesprechungen oder schriftliche Feedbacks zu Falldokumentationen statt, um die Anwendung zu überprüfen und zu vertiefen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P179).
Beobachtungen
Der Wissensstand erwies sich als heterogen. Insbesondere die "Analyse" und die Einbindung der Klientenperspektive im Dokumentationstool bereiteten Schwierigkeiten. Dennoch zeigten die Mitarbeitenden eine hohe Motivation und erlebten die KPG-basierte Arbeit als Bereicherung (Hochuli Freund/Stotz 2017, P180).
4. Reflexion: Herausforderungen und Gelingensfaktoren
Die Projektbeteiligten reflektierten den Prozess hinsichtlich Hürden und Erfolgsfaktoren.
Herausforderungen
- Logik-Differenz: Die grösste Herausforderung war die Diskrepanz zwischen der Logik der Software und der Logik professionellen Handelns nach KPG (Hochuli Freund/Stotz 2017, P182).
- Multiplikatoren-Rolle: Die Weitergabe des Wissens durch die Abteilungsleitenden an die Teams funktionierte unterschiedlich gut und war eine anspruchsvolle Doppelaufgabe (Hochuli Freund/Stotz 2017, P182).
- Heterogenität: Die grosse Anzahl an Mitarbeitenden mit unterschiedlichen Ausbildungsniveaus und die Koordination der Schulungen im Schichtbetrieb waren organisatorisch fordernd (Hochuli Freund/Stotz 2017, P182).
- Zeitliche Aspekte: Unterschiedliche Tempi der Teams und zeitweise Verzögerungen zwischen Unterstützungsbedarf und -angebot (Hochuli Freund/Stotz 2017, P185).
Gelingensfaktoren
- Motivation: Die hohe Offenheit, Neugier und Motivation der Mitarbeitenden war der zentralste Erfolgsfaktor. Viele erlebten durch die strukturierte Arbeit einen neuen Zugang zu ihren Klient*innen ("Aha-Erlebnisse") (Hochuli Freund/Stotz 2017, P183).
- Ressourcen: Die Bereitstellung ausreichender zeitlicher und finanzieller Ressourcen durch die Organisation sowie das klare Commitment der Leitung waren entscheidend (Hochuli Freund/Stotz 2017, P184).
- Kooperation: Die Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Praxis auf Augenhöhe und die flexible Arbeitsweise wurden geschätzt (Hochuli Freund/Stotz 2017, P184).
5. Fazit und Ausblick
Die Implementation von KPG ist ein langfristiger Prozess, der Geduld erfordert. Um die Nachhaltigkeit zu sichern, wurden folgende Massnahmen definiert:
- Erstellung eines Handbuchs mit fachlichen Standards.
- Einsatz interner SPG-Expert*innen (Mentoren) zur Unterstützung der Teams.
- Regelmässige Auffrischungsschulungen und Einarbeitungskonzepte für neue Mitarbeitende.
- Weiterentwicklung des Dokumentationstools zur besseren Abbildung der fachlichen Logik (Hochuli Freund/Stotz 2017, P186).
Persönliche Lektionen der Beteiligten unterstreichen, dass Implementation Zeit braucht ("Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht") und dass eine fundierte Auseinandersetzung mit Biografien und Diagnostik zu einem tieferen Fallverstehen führt (Hochuli Freund/Stotz 2017, P187).
Quellennachweis
Die in diesem Artikel verwendeten Buchzitate wurden verifiziert und dokumentiert. Für detaillierte Quellenangaben mit exakten Textstellen siehe: Evidenzdatei Implementation
Verweise: